Anthropologin im Interview: Arbeitskräfte in der Sackgasse

Arbeitskräfte mit gesichertem Einkommen sind bald nicht mehr die Norm, sagt die Anthropologin Johanna Riegler.

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Johanna Riegler sieht mit der Arbeitslosigkeit auch die gesellschaftlichen Ressentiments ansteigen.
© Vanessa Weingartner / TT

Innsbruck – Unsere Gesellschaft definiert sich über das Prinzip Arbeit, das aber viele in die Sackgass­e führt. Der Arbeitskreis Wissenschaft und Verantwortlichkeit (WuV) hat die Wiener Sozialanthropologin Johanna Riegler zur Diskussion eingeladen.

In letzter Zeit wurde Kritik laut, dass man sich mit seiner Arbeit nichts mehr aufbauen kann.

Johanna Riegler: Man ist durch Arbeit nie sonderlich reich geworden. Historisch­ gesehen gab es eine ganz kleine Zeitspanne, in der man mit geregelter Arbeit gut leben konnte. Wir sprechen von der Aufbauzeit der 50er-Jahre, die in den hochindustrialisierten Ländern bis in die 80er-Jahre anhielt. Jetzt sieht die Situation anders aus. Wohlstand durch Arbeit aufzubauen, ist für den Großteil der Weltbevölkerung immer ein Wunschtraum g­ewesen.

Sind wir uns der Lage bewusst?

Riegler: Man wird als Arbeitskraft gesehen, die aber immer weniger gebraucht und bezahlt wird. Die Norm werden sehr flexible, sehr prekäre Arbeitsplätze. Das ist eine bedrohliche Entwicklung und führt zu Erpressbarkeit der Menschen, die sich ja erhalten müssen.

Zuletzt war von 500.000 Arbeitslosen in Österreich die Rede. Welche Möglichkeiten gibt es abseits von Schulungen?

Riegler: Es muss uns klar sein, dass die bezahlte Arbeit in unserer Gesellschaft in die Krise gekommen ist. Die Geschichte zeigt, dass Gesellschaften nie auf die Arbeit aller Mitglieder zurückgriffen. Man muss sich überlegen, wie man das Miteinander jenseits des Arbeitsprinzips gestaltet.

Was heißt Umdenken? Sie schreiben, dass Fleiß, Tüchtigkeit und Erfolg positiv besetzt seien. Wenige fragen nach Sinn und Nutznießern.

Riegler: Die erste Frage lautet: Wer zieht den Nutzen? Diese Gruppe wird immer kleiner. Aber man muss auch darüber nachdenken, welche Tätigkeiten sinnvoll sind. Das Tolle an Menschen ist, dass sie überlegen können, wie viel wozu produziert werden soll. Das sind klassische politische Fragen, die derzeit nicht gestellt werden. Es wird nur die Produktivität gesteigert.

Wie kann man Faulheit positiv besetzen?

Riegler: Faulheit muss man positiv besetzen. Es ist von allem zu viel da. Eine zentrale Frage lautet, wie eine Gesellschaft mit Über­produktion umgeht. Bei vorindustriellen Gesellschaften gab es auch Verfahren der Umverteilung und Vernichtung von Überschuss. So konnten sich keine Hierarchien bilden. Es geht nicht darum, von früh bis spät einer Arbeit nachzugehen, sondern auch darum zu reflektieren, warum es besser wäre, weniger zu tun.

Ist das nicht ein Luxusproblem?

Riegler: Natürlich. Die Verteilungssituation ist so: Die einen verhungern, andere können sich aber diese Frage­n stellen.

Ist Schule nur noch auf den Job bezogen?

Riegler: Ausbildung dient dazu, in einer möglichst hohen Position einzusteigen. Daher der Ansturm auf die besten Schulen. Je enger der Arbeitsmarkt, desto rigider wird die Ausbildung. Unglaublich, wie nach Prognosen ausgewählt wird. Ich studiere Biologie, weil die Gentechnik wird es brauchen. Dabei macht es Sinn, eine Bildung anzustreben, die unabhängig von der Verwertung ist. Eine breite Allgemeinbildung kann mündige Bürgerinnen und Bürger hervorbringen.

Das Gespräch führte Sabine Strobl


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