Tirol

Druck auf Naturräume in Tirol steigt

Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer (Archivbild).
© TT/Böhm

Nur 77 negative Naturschutzbescheide wurden 2013 und 2014 erlassen. Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer ortet massiven Druck auf die Naturräume und warnt vor steigendem Flächenverbrauch in Tirol.

Von Peter Nindler

Innsbruck — Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer und sein Stellvertreter Walter Tschon sind so etwas wie der Schutzmantel für die heimische Natur. „Wir haben aber auch einen Bildungsauftrag und versuchen das Bewusstsein für die Umwelt zu steigern", sagt Kostenzer. Und er weiß, dass er im Spannungsfeld von Naturschutz und wirtschaftlichen Interessen agiert. Seine Bilanz im Tätigkeitsbericht 2013/2014 fällt durchwachsen aus, der Druck auf den Lebens- und Naturraum steigt. So wurden im genannten Zeitraum 1849 naturschutzrelevante Genehmigungen erteilt, lediglich 77 Projekte abgewiesen. Die Bewilligungsquote beträgt 96 Prozent, der Großteil davon betrifft Infrastrukturvorhaben.

Mit dieser Entwicklung ist gleichsam ein massiver Flächenverbrauch verbunden. 3,7 Quadratkilometer werden jährlich in Anspruch genommen, hochgerechnet auf das Jahr 2050 würden das 273 Quadratkilometer sein. „Das ist die Hälfte des derzeit genutzten Dauersiedlungsraums", skizziert Kostenzer die negativen Auswirkungen. Bildlich veranschaulicht der Umweltanwalt den Naturverlust mit bis zu 550 Fußballfeldern im Jahr. Deshalb fordert Kostenzer eine stärkere Berücksichtigung des Naturschutzes in der Raumordnung. Der Verbauung müsse endlich Einhalt geboten werden. Allein der Tourismus beansprucht für seine Freizeiteinrichtungen saisonal 130 Hektar. „Durch Skigebietserweiterungen gehen außerdem vielfältige Naturräume verloren", fügt Kostenzer hinzu.

Zusammenschlüsse sind deshalb stets Thema, die Umweltanwaltschaft hat zuletzt die geplante Skischaukel Kappl-St. Anton beeinsprucht. „Weil sie nicht naturverträglich ist", wie Kostenzer erklärt. Als positive Beispiele nennt er hingegen Saalbach-Fieberbrunn oder die Verbindung der Skigebiete Alpbachtal und Wildschönau .

Sorgenfalten bereitet der Umweltanwaltschaft auch die künstliche Beschneiung. In den 93 Skigebieten gibt es mittlerweile 125 Beschneiungsteiche mit einem Fassungsvermögen von 7,4 Millionen Kubikmetern. Sechs wurden neu errichtet, 37 befinden sich bereits außerhalb der Skigebietsgrenzen. Weil passende Standorte kaum mehr vorzufinden sind, werden sie außerhalb gebaut. Das ist für Kostenzer Stellvertreter Walter Tschon mit den Zielsetzungen der Seilbahngrundsätze für eine nachhaltige alpine Raumordnung nicht mehr vereinbar.

Hier hakt auch der grüne Klubchef Gebi Mair ein. „Wir müssen uns sicher überlegen, wie wir zukünftig mit dem Ausbau der Beschneiungsanlagen in Tirol umgehen wollen."

Umweltanwalt

Weisungsfrei, aber eingeschränktes Beschwerderecht. Mit der Naturschutznovelle 2014 wurde der Landesumweltanwalt weisungsfrei. Er kann auch Beschwerden gegen Bescheide der Bezirkshauptmannschaft einlegen, aber nicht gegen Entscheidungen der Landesregierung. Letzteres ist jedoch ebenfalls ein lang gehegter Wunsch der Umweltanwaltschaft.

Genehmigungen. 2013 wurden 893 und im Jahr darauf 956 naturschutzrechtliche Genehmigungen erteilt. Die meisten gab es in diesen beiden Jahren im Bezirk Innsbruck-Land mit 330, dahinter folgen Kitzbühel (253) und Schwaz mit 230. Geht diese Entwicklung weiter, würden bis zum Jahr 2050 rund 33.800 Bewilligungen in Tirol erteilt werden.

Wasserkraft. In Tirol gibt es derzeit 1016 Kraftwerke, 2013 und 2014 wurden 29 neue bewilligt.

Beeinträchtigte Fließgewässer. Die Gesamtlänge der Fließgewässer beträgt 3962 Kilometer, davon sind 3073 beeinträchtigt. In den vergangenen Jahren verschlechterten sich 267 Kilometer.

Kritik an Sellrain/Silz und am Wasserrahmenplan

Auf wenig Gegenliebe stoßen beim Landesumweltanwalt die Kraftwerksvorhaben der Tiwag. Beim Wasserwirtschaftlichen Rahmenplan „Tiroler Oberland“ des Landesenergieversorgers ortet Kostenzer „massive Eingriffe“ in die Natur. Der Rahmenplan wurde bekanntlich vom Ökobüro und vom WWF angefochten. Im Zusammenhang mit dem Genehmigungsverfahren für die Erweiterung des Kraftwerks Sellrain/Silz hält es Kostenzer für eine Option, dass mit dem Bescheid für die Umweltverträglichkeitsprüfung so lange gewartet werde, bis eine Entscheidung über den Rahmenplan vorliege.

Unabhängig davon meldet der Landesumweltanwalt Bedenken gegen das Projekt Sellrain

Silz an. „Wir haben schon immer gesagt, dass die Planung für diesen Standort nicht die beste ist.“ Die Kritik bleibe aufrecht, aber erst nach Bescheiderstellung werde man über eine Beschwerde entscheiden.

Als ernüchternd bezeichnet Kostenzer bereits jetzt die Schädigung der Fließwasserstrecken in Tirol. „Allein in den vergangenen sechs Jahren hat sich der Anteil der ökologisch belasteten Gewässerstrecken von 65 auf 75 Prozent erhöht.“ Der Kriterienkatalog Wasserkraft habe diese Entwicklung nicht verhindert, er sei ein bisschen in der Schublade verschwunden.