Exklusiv

Der Genuss von Autolärm

Dank seiner Erfindung kann Ball selbst in lauten Cafés reibungslos Unterhaltungen folgen.
© zeitungsfoto.at

Gebrüll, Gegröle und Gebell: Geoffrey Ball genießt Lärm. Der Amerikaner, der in Axams wohnt, litt nämlich lange unter Hörverlust. Statt sich dem Schicksal zu ergeben, entwickelte er ein Hörimplantat.

Von Judith Sam

Innsbruck –„Wo bleibt meine Rechnung“, murrt ein Gast am Nachbartisch eines Innsbrucker Cafés. Sein Baby quengelt. Daneben besprechen Studentinnen voller Hingabe, warum Bauchmuskeln bei Männern wichtiger sind als Bärte. DJ Ötzi grölt aus dem Radio. „Geräuschverschmutzung, so weit das Gehör reicht“, kommentiert Geoffrey Ball sichtlich gestresst und zupft zwei daumennagelgroße Scheibchen hinter seinen Ohren hervor. Diese winzige Bewegung reicht aus, schon befindet er sich in einer anderen Welt – umgeben von Stille. Nichts als Stille.

Der Amerikaner war gerade fünf Jahre alt, als eine Mandelentzündung, beziehungsweise der allergische Schock auf die verabreichten Medikamente, zu einem ausgeprägten Hörverlust führte: „Seitdem bin ich auf die ,Vibrant Soundbridge‘ angewiesen – ein Hörimplantat, dessen Audioprozessor mit Magneten hinter den Ohren befestigt ist.“

Als der Vater dreier Kinder diese Innovation erwähnt, streift ein Lächeln über sein Gesicht. Zu Recht – denn der 52-Jährige ist der Erfinder des Geräts, das vom Innsbrucker Medizintechnikzentrum MED-EL in 61 Ländern vertrieben wird: „Als Kind konnte ich weder Musik noch Filme genießen, wurde als ,Deaf Goeff‘ (Tauber Goeff) gehänselt und lief oft nach Hause, um dort zu weinen. Also lernte ich Lippenlesen, um am Alltag teilhaben zu können.“

© Med-El

Ball meldete sich sogar in einem Chor an: „Da gestehe ich aber, dass ich unglaublich schlecht war. Um den Einsatz nicht zu verpassen, musste ich nämlich stoisch Noten zählen – hören konnte ich sie ja nicht. Ich glaube, mein Chorleiter hat noch heute Albträume von mir.“

Ball lacht und spielt an seinem Ehering herum, während er auf Englisch weiterplaudert: „Mit 15 erklärte mir ein Arzt, dass ich sicher noch zehn Jahre warten müsste, bis es ein passendes Hörgerät für mich gibt.“ Die verfügbaren Hörhilfen lieferten zwar die passende Lautstärke, um Balls Schallempfindungsschwerhörigkeit zu kompensieren, doch es mangelte an der Klangqualität.

Statt sich seinem Schicksal zu ergeben, begann Ball als Biomedizintechniker an der renommierten Stanford Universität in Kalifornien zu arbeiten: „Mit dem Ziel im Hinterkopf, mein Problem zu lösen.“ 28 Jahre nach seiner fatalen Diagnose und Dutzenden Tests im Elektroniklabor stieß er eines Abends auf das perfekte System, um akustische Signale für sein Gehör umzuwandeln: „Nach so vielen Jahren hörte ich zum ersten Mal wieder! Jemand, der nicht an einer Beeinträchtigung leidet, weiß das Geräusch von zwitschernden Vögeln oder rauschenden Flüssen wohl nicht ansatzweise so zu schätzen wie ich. Das erste Geräusch, das ich hörte, war das Brummen Hunderter Autos – weil mein Labor neben einer stark befahrenen Straße lag. Selbst das hat mich zu Tränen gerührt.“

Doch die neu gewonnene Funktion des Sinnesorgans brachte auch Nachteile mit sich. Ball gefiel seine eigene Stimme etwa nicht: „Und manchmal wird mir die ständige Geräuschverschmutzung zu viel. Dann nehme ich Teile des Implantats einfach ab und kann nachts selbst bei viel Lärm wunderbar schlafen oder konzentrierter lernen.“

1993 ließ Ball seine Erfindung, die heute Teil der „Vibrant Soundbridge“ ist, patentieren: „Danach folgten einige Jahre Forschungsarbeit in einem US-Unternehmen im legendären Silicon Valley Kaliforniens – der Heimat von Google, Yahoo, Facebook und Co.“

Balls Eltern wohnen noch heute nahe dieses Hightech-Standorts. Ball hingegen zog 2003 nach Axams: „Ich bin mittlerweile Technischer Direktor des ,Vibrant Teams‘ von MED-EL.“ Auf die Frage, woran er derzeit arbeitet, lacht Ball verschmitzt: „An einer neuen Generation von Hörgeräten. Mehr darf ich noch nicht sagen. Nur so viel: Wenn alles klappt, werden wir mehr Hörgeschädigten ermöglichen, die Stille zu besiegen.“

Die „Geräuschbrücke“

Die „Vibrant Soundbridge“ kann angewendet werden, wenn bei Patienten Innenohrschwerhörigkeit, Schallleitungs- oder kombinierter Hörverlust diagnostiziert wurde.

Während Hörgeräte Schallsignale lediglich lauter machen, wandelt die „Soundbridge“ Schall aus der Umgebung in Schwingungen um. Diese mechanische Energie stimuliert die Strukturen des Mittelohrs, wodurch auch hohe Töne klar wahrgenommen werden können.

Dabei wird der Schall vom Mikrofon des Audioprozessors, der mit Magneten an der Außenseite des Kopf gehalten wird, aufgenommen. Der Prozessor wandelt Schall in elektrische Signale um und überträgt sie über die Haut an das Implantat. Der „Floating Mass Transducer“, das Herzstück des Systems, wandelt das Signal in mechanische Schwingungen um, die einen Teil des Mittelohrs in Bewegung versetzen. Diese Schwingungen werden an das Innenohr weitergeleitet und als akustische Signale wahrgenommen.

Für Sie im Bezirk Innsbruck unterwegs:

Michael Domanig

Michael Domanig

+4350403 2561

Hannah Purner

Hannah Purner

+4350403 2158

Verena Langegger

Verena Langegger

+4350403 2162

Alexandra Plank

Alexandra Plank

+4350403 2143