Film und TV

Alexander Kluge - der Artist im Fernseh-Zirkus

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Der deutsche Filmemacher und Autor Alexander Kluge sorgt seit knapp 30 Jahren dafür, dass im Programm von RTL und Sat.1 auch Hochkultur mit Bodenhaftung Platz findet.

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Im Nachtprogramm von RTL stößt man beizeiten auf Fernseh-Ware, die man hier nicht vermuten würde. Es wird nicht über die Gagen von Dschungelcampern debattiert, es geht nicht um etwaige Neubesetzungen bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, auch die Formel-1 hat Sendepause – beim Kulturmagazin „10 vor 11“ geht’s in die Tiefe. Thema der nächsten Sendung, die am 9. Februar um 0.30 Uhr ausgestrahlt wird, ist der „Krieg auf dem Dach der Welt“. Man widmet sich dem Jahr 1917, als Abenteurer, Offiziere und Gelehrte versucht haben, Mittelasien für Deutschland zu erobern.

Kein leichter Stoff, kein seichter Stoff – aber wie kommt der ausgerechnet zum auf Unterhaltung abonnierten Sender RTL? Für die Antwort muss man die Zeit in die Anfangsjahre des deutschen Privatsenders zurückdrehen – und Alexander Kluge zu Rate ziehen. Der 83-jährige Autor, Filmemacher und Jurist ist das Gesicht bzw. die Stimme des Kulturmagazins „10 vor 11“, das seit 1988 Teil des RTL-Programms ist – weil es das deutsche Mediengesetz ermöglichte. Besagt dieses doch, dass ein Privatsender nur dann auf Sendung gehen darf, wenn er einen gewissen Anteil seines Programms für Kultur, Bildung und Information reserviert. Und hier kommt die Firma dctp ins Spiel – die Plattform für unabhängige TV-Anbieter bewirbt sich seit 1988 im Fünf-Jahres-Rhythmus um diese gesetzlich vorgeschriebenen Sendeplätze. Nicht nur bei RTL, auch bei Sat.1, wo mit „News & Stories“ ebenfalls ein nächtliches Kulturformat auf dem Programm steht. Hauptverantwortlich für die Gestaltung ist Alexander Kluge, einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Autorenfilms.

Als Mit-Initiator des „Oberhausener Manifestes“ forderte er anno 1962 unter dem Motto „Papas Kino ist tot“ die Abkehr vom alten deutschen Film. Kino sollte nicht nur unterhalten, sondern herausfordern und überraschen. Ein Anspruch, den Kluge auch ans Fernsehen stellt, wie er im Gespräch mit der TT erzählt. „Unterhaltung ist nichts Schlechtes, aber dieses Segment muss im Programm nicht mehr ergänzt werden. Davon gibt es ja schon genug. Uns geht es darum, das, was außerhalb des Fernsehens Geltung hat, möglichst unverfälscht ins Fernsehen zu bringen“, sagt Kluge. Und bringt das Musiktheater ins Spiel, das in der TV-Welt – wenn überhaupt – in Form von Opernübertragungen stattfindet. „Dreieinhalb Stunden Wagner am Stück überfordert die Zuschauer aber, vor allem die jungen Seher können damit nichts anfangen. Das wäre ja so, als würde man Wein nur in Fässern anbieten“, meint der 83-Jährige und setzt nach: „Viele Menschen haben Angst vor Hochkultur, diese Angst wollen wir nehmen.“ Hilfestellung bekommt Kluge dabei unter anderem von Helge Schneider, der regelmäßig bei seinen Sendungen zum Einsatz kommt, zuletzt in einem Barockopern-Beitrag, in dem der Nonsens-Großmeister in bewährt schräger Manier Karl den Großen verkörperte. Kluge: „Helge Schneider hat einen natürlichen Witz wie Till Eulenspiegel, er kann noch so schwierigen Themen Bodenhaftung verleihen.“

Aber sind Kluges Kulturformate den nach Quote schielenden Privatsendern nicht trotzdem ein Dorn im Auge? „Sie haben sich daran gewöhnt“, schmunzelt der Filmemacher. Und mehr noch: „Die Chefs der Fernsehanstalten sind manchmal klüger als das Medium selbst: Meiner Erfahrung nach finden sie es ganz angenehm, wenn sie dem Zuschauer mehr als nur Unterhaltung vermitteln können.“ Auf die Quote schielt aber auch ein Alexander Kluge – allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. „Wir sind keine Quotenhuren: Wenn wir zwischen Inhalt und Quote wählen müssten, würden wir uns immer für den Inhalt entscheiden.“

Seit Ende Jänner laufen Kluges Inhalte auch auf dem Bildungskanal ARD-Alpha, wo jeden letzten Freitag im Monat eine 90-minütige Dokumentation auf dem Programm steht. Gerade entsteht eine Sendung, die sich der Flüchtlingsthematik widmet und in der eine aktuelle Reportage mit spannenden, geschichtlichen Hintergründen verwoben wird. Diese Vernetzung von Themen ist für Kluge ein wichtiger Bestandteil seines Schaffens, das alles nur nicht eindimensional sein soll. In der Medien-Manege will er sich ein offenes Denken bewahren: „Wenn man nur ganz oben in der Zirkuskuppel auf einem Seil tanzt, entfremdet man sich vom Publikum. Auch auf dem Boden muss etwas stattfinden – nur beides zusammen ist Zirkus, nur beides zusammen ist Kunst.“

Info

Die Kulturmagazine „10 vor 11" und „News & Stories" laufen wöchentlich im Nachtprogramm von RTL und Sat.1. Seit Ende Jänner sind Alexander Kluges Dokumentationen bei ARD-Alpha zu sehen.