Kuriose Bräuche: Wildes Treiben am Unsinnigen in Tirols Dörfern
Besonders am heutigen Unsinnigen Donnerstag geht es in Tiroler Dörfern von sehr früh bis spät hoch her. So manch einzigartiger und kurioser Brauch wird da gelebt und wiederbelebt.
Von Theresa Mair
Innsbruck – Tagwache hieß es heute in Volders und in Völs – mitten in der Nacht. Mit Glocken und rhythmischen Schlägen stampern Muller und Tamperer jedes Jahr am Unsinnigen Donnerstag die Leute aus dem Bett. Für Unwissende mag das Lärm sein, für Eingeweihte Brauchtum. „Mit Lärm und Instrumenten wird zu verschiedenen Anlässen die Festzeit eingeleitet. In der Fasnacht heißt das: Wacht alle auf, wir dürfen vor der Fastenzeit noch einmal narrisch sein“, sagt die Innsbrucker Volkskundlerin Petra Streng.
Wie lange es das bunte Treiben in Tirol schon gibt, sei nicht nachvollziehbar. „Es gab keine Dorfchroniken. Nur wenn es zu Ausuferungen kam, wurde dies in Gerichtsakten niedergeschrieben. Die früheste bekannte Aufzeichnung stammt aus dem 12. Jahrhundert. Als heidnisch kann man die Bräuche deshalb nicht bezeichnen“, sagt sie. Ausuferungen, wie es Streng nennt, gab und gibt es immer wieder, z.B. bei der Weiberfasnacht am Unsinnigen Donnerstag in Ladis. „Da wurde im 16. Jahrhundert eine Warnung an Männer ausgegeben.“ Die Frauen durften ausnahmsweise ins Gasthaus gehen.
Nicht nur die Frauen sind los: Gestalten, wie die Bluatigen, die Habergoaß und Hexen. „Das sind Symbole, die in der kirchlichen Tradition für das Narrentum und Laster, das Teuflische und das Unheimliche stehen. Der Zirler Giggeler, der die Frauen bespringt, ist die personifizierte Wollust, Es gibt Ausuferungen, wo das zu deftig wird“, findet Streng, dass der Giggerler aus Frauensicht diffamierend sei. Wer bei dem Spektakel dabei sein wolle, wisse aber, was auf ihn zukommt. Dennoch könnten Bräuche nur lebendig bleiben, wenn sie sich verändern. Ein Beispiel: In die Altweibermühle werden heute statt älterer Semester auch bevorzugt junge Frauen gesteckt.
Muller läuten aus dem Bett
Wer den Winter vertreiben will, muss in Volders früh aufstehen. In schwarzer Hose, weißem Hemd, Tuxer Janker und mit einer Spezialglocke ziehen bis zu 40 Muller von 4.45 Uhr Früh bis Mittag durch das Dorf und wecken die Leute auf. Eine Hexe gibt beim „Mullerschellenschlagen“ den Takt vor.
Tampern im Dreivierteltakt
Erst gestern, dem Blasiustag, hat die Völser Fasnacht begonnen. Gerade rechtzeitig für die Tamperer – nur Völser Männer –, die am Unsinnigen Donnerstag und am Faschingsdienstag in drei Gruppen ab drei Uhr Früh vom Dorfplatz bis Mittag durch den Ort ziehen und mit Stöcken im Dreivierteltakt kräftig auf alte Kanister einschlagen.
Bluatige fauchen hinter dem Tod
Einen gruseligen Brauch haben die Axamer in den vergangenen 15 Jahren in der Fasnacht am Unsinnigen Donnerstag wiederbelebt: In Schweineblut getaucht, mit Erdäpfelzähnen bestückt und mit Schlachtabfällen behängt schleichen vier oder fünf Bluatige fauchend hinter dem vorausgehenden Tod durch die Gassen von Axams.
Eine Geige für treulose Tarrenzer
Wer in Tarrenz trotz langer Beziehung doch jemand anderen heiratet, muss noch heute damit rechnen, dass in der Nacht auf seine Haustür eine Schandgeige gemalt wird. Eine Sägemehlspur weist dann auch den Weg zum Ex. Klar, dass die Figur des Schandgeigenmalers in der Tarrenzer Fasnacht – nächstes Mal 2017 – nicht fehlen darf.
Mit Türggenflitschen gegen Habergoaß und Giggerler
Seit 40 Jahren rücken in Zirl die Türggeler aus. Sechs Türggeler in Kostümen aus Maisblättern – „Flitschen“ – und einem Hut, der mit Tausenden Maiskörnern bestückt ist – symbolisieren den Frühling.
Ihr Tanz, der das bäuerliche Jahr darstellt, wird von der Türggelermutter mit der Ziehorgel begleitet.
Aufpassen muss man vor dem Giggerler, der Habergoaß und den Hexen. Der Hahn ist ein Symbol der Katastrophe und der Wollust. Hinterrücks bespringt er Frauen. Die Berührung mit der Habergoaß soll Unglück bringen. Frauen, in deren Ausschnitt beim Türggenstecken ein rotes Maiskorn landet, können zudem damit rechnen, im kommenden Jahr einen Buben zur Welt zu bringen.
Unsinniger Donnerstag
Weiberfasnacht in Imst: Bereits das 4. Mal ziehen Mädchen und Frauen aus Imst und Umgebung durch die Innenstadt. Diesmal allerdings bewegt sich der Zug ausgehend von der Sparkasse durch die Kramergasse bis zum Pflegezentrum/Café Rosengartl.
Reutte wird zum Hexenkessel: Heute übernimmt der Unsinn die Herrschaft in vielen Außerferner Gemeinden. Auch im Bezirkshauptort steuert der Fasching mit dem großen Unsinnigen-Umzug (ab 14 Uhr) der Faschingsgilde seinem Höhepunkt entgegen.
Faschingstreiben in Schwaz und Jenbach: Rund 180 Kinder läuten in Schwaz den Unsinnigen ein - während in Jenbach die „Ghostbusters“ für Showeinlagen in Geschäften sorgen. Mehr dazu: http://go.tt.com/1PfITkW
Kommentare