Vorwürfe gegen Kieler Behörden wegen Missbrauch von Siebenjähriger

Kiel (APA/dpa) - Wäre der schwere sexuelle Missbrauch einer Siebenjährigen in Kiel einfach zu verhindern gewesen? Mehrere Tage nach der Tat ...

Kiel (APA/dpa) - Wäre der schwere sexuelle Missbrauch einer Siebenjährigen in Kiel einfach zu verhindern gewesen? Mehrere Tage nach der Tat kommen immer neue Details des Falls ans Licht. Die Mutter des 30 Jahre alten Tatverdächtigen erhob schwere Vorwürfe gegen die Behörden. „Ich habe überall um Hilfe gebeten“, sagte die 50-Jährige den „Kieler Nachrichten“ vom Donnerstag.

Man habe sie allerdings mit ihren Ängsten allein gelassen. Ihr Sohn habe selbst zwei Buben, die in jenem Kindergarten betreut, in dem sich der Kieler bereits am 6. Jänner an einer Fünfjährigen vergangenen haben soll. Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken räumte Versäumnisse der Behörden ein. „Wir hätten dem Mädchen eine ganz schwere Erfahrung ersparen können“, sagte Stöcken.

Bereits am 18. Jänner - knapp zwei Wochen vor dem Übergriff auf die Siebenjährige - habe die Stadt von der Polizei erfahren, dass gegen den Tatverdächtigen wegen eines sexuellen Missbrauchs einer Fünfjährigen am 6. Jänner ermittelt werde.

Sozialpsychiatrischer Dienst, Polizei und Staatsanwaltschaft hätten allesamt handeln können. „An der Stelle wäre eine Ausfahrt gewesen, die alle hätten nehmen können“, so Stöcken. Der Mann blieb aber bis Montag auf freiem Fuß. Er soll am Sonntag ein Mädchen von einem Schulhof mitgenommen und missbraucht haben.

Nun sitzt der 30-Jährige wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs in zwei Fällen in Untersuchungshaft. Er hat sich bisher nicht zu den Taten geäußert. Eine Gutachterin soll nun klären, ob der Mann schuldfähig ist.

Nach Stöckens Worten war der Mann dem sozialpsychiatrischem Dienst der Stadt seit Jahren bekannt. Im Sommer 2014 sei er wegen psychischer Erkrankungen in einer Klinik in Behandlung gewesen. Danach habe er nicht mehr auf Einladungen zu einem Gespräch reagiert, sagte Stöcken.

Die Stadt habe regelmäßig Kontakt mit der Polizei wegen einer Einweisungen psychisch Kranker. „1.000 Mal funktioniert das“, sagte Stöcken. Den Eindruck der Mutter des 30-Jährigen, die sich alleine gelassen fühlte, könne er verstehen. „Diesen Vorfall bedaure ich zutiefst“, sagte Stöcken.

Oberstaatsanwalt Axel Bieler bestätigte am Donnerstag, dass sich die Mutter des Tatverdächtigen zudem am 18. Jänner Hilfe suchend an die Polizei gewandt habe. Sie habe den Beamten erklärt, ihr Sohn sei psychisch krank und bitte um Hilfe. Die Polizisten hätten sie nach einer möglichen Gefährdung befragt. „Dazu hat die Frau aber keine Angaben gemacht“, sagte Bieler.

Anhaltspunkte für die Gefahr möglicher weiterer Straftaten habe es nicht gegeben. Zudem hätte das Kieler Zentrum für Integrative Psychiatrie (Zip) Kontakt mit der Mutter gehabt. „Die Polizei hat richtig reagiert“, sagte Bieler. „Wir sind nicht für psychisch kranke Menschen zuständig.“ Obwohl der Mann bereits nach dem ersten Missbrauchsfall unter Tatverdacht stand, sah die Staatsanwaltschaft keine rechtliche Grundlage für einen Strafbefehl.

Zuvor hatte bereits der Leiter der Schule, von dessen Schulhof der Mann die Siebenjährige in seine Wohnung gelockt haben soll, eine fehlende Information durch die Polizei kritisiert. Der betreffende Kindergarten befindet sich in der Nähe der Schule.

Die Mutter des Tatverdächtigen hatte nach eigenen Angaben bereits 2014 Kontakt mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst im Kieler Gesundheitsamt. Noch einen Tag vor dem Missbrauch im Kindergarten sei sie erneut beim Gesundheitsamt vorstellig geworden.

Daraufhin habe das Amt den Sohn schriftlich zu einem Termin am 11. Jänner eingeladen, der sei aber nicht erschienen. Am 8. Jänner habe sie beim Kieler Zentrum für Integrative Psychiatrie angerufen mit der Bitte: „Er ist nicht normal. Nehmen Sie ihn bitte stationär auf, er ist gefährlich“, sagte die Mutter. Dies sei dort jedoch abgelehnt worden.

Die Mutter glaubt, der Sohn habe die Trennung von seiner Frau nicht verkraftet. „Ich weiß, dass er krank ist, aber das ist keine Entschuldigung“, berichtete die Frau. Sie wolle mit ihrer öffentlichen Aussage „alle anderen Mütter über die Abläufe informieren und mich bei allen entschuldigen, denen mein Sohn Leid angetan hat“, sagte sie.