Nach Lawinenunglück in Tirol: Bergretter gegen Anzeigen
Trotz fünf Toter und etlicher Verschütteter in ganz Tirol hält die Bergrettung nichts von Sanktionen gegen leichtsinnige Wintersportler.
Von Gabriele Starck
Innsbruck –Von wegen Ruhe nach dem Sturm. „Wir haben gerade wieder einen Einsatz im Ötztal“, sagt der Leiter der Bergrettung Tirol, Hermann Spiegl, gestern am frühen Nachmittag im Gespräch mit der TT. Die Pistenrettung hatte Alarm geschlagen, als im Bereich des Gaislachkogels in Sölden eine Lawine abgegangen war. Ein Hubschrauber war bereits vor Ort, ein weiterer machte sich daraufhin mit Suchhunden ins Ötztal auf den Luftweg. Diese suchten dann mit Bergrettern den Lawinenkegel ab, doch bis auf einen einzelnen Ski wurde nichts gefunden.
Entspannung an der Lawinenfront ist auf jeden Fall nicht in Sicht. Aufgrund der lockeren Schicht in Bodennähe bleibe es äußerst heimtückisch, sagt Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst Tirol. Deshalb sollten alle Tourengeher und Freerider weiterhin sehr vorsichtig und „möglichst defensiv sein“, mahnt der Experte. Trotz der zahlreichen Abgänge gebe es noch viel Potenzial für Lawinen – vor allem oberhalb von 2300 Metern.
20 und nicht wie zunächst angenommen 17 Leute waren am Samstagmittag von einer riesigen Lawine in der Wattener Lizum erfasst worden. Fünf Menschen und ein mitgeführter Hund starben unter den meterhohen Schneemassen. Zwei Personen wurden verletzt, haben aber das Krankenhaus bereits wieder verlassen. Die anderen Überlebenden wurden vom Kriseninterventionsteam betreut und am Sonntag von der Alpinpolizei einvernommen.
Die Skitourengeher dürften demnach die Lawine nicht selbst ausgelöst haben. Eine Gruppe von sieben Freeridern, die sich nach erfolgreichem Aufstieg beim Hohen Geier gesammelt hatte, gab an, Setzungsgeräusche gehört und 100 Meter entfernt gesehen zu haben, wie sich ein Schneebrett löste. Diese Lawine, die in der Folge noch zwei weitere nach sich zog, riss insgesamt 13 noch im Aufstieg befindliche Wintersportler mit sich, berichtete die Alpinpolizei.
Patrick Nairz war selbst am Tag zuvor auf der Lizumer Hütte gewesen, weil er in dem Gebiet Schneedeckenuntersuchungen vornahm, und hatte die tschechische Gruppe gesehen. Sie seien schon öfter da gewesen und feine Gäste, habe es geheißen.
Auf jeden Fall aber waren die Tschechen gut ausgerüstet. Das wurde auch gestern wieder bestätigt. Alle hatten einen Lawinen-Airbag dabei, doch nicht allen konnte er das Leben retten. Bei einem der Toten seien etwa die aufgeblasenen Flügel abgerissen gewesen. Zu groß und mächtig war die Lawine und zudem folgten ihr so genannte Sekundärlawinen, sagt Nairz.
Das Lawinenunglück hat erneut eine Diskussion darüber ausgelöst, ob Leute, die sich trotz ausdrücklicher Warnungen in Gefahr begeben, als Abschreckung angezeigt werden sollen. Spiegl als Tirols oberster Bergretter hält davon wenig. „Das ist nicht meine Zielrichtung“, sagt er. Auch sei es nicht die Aufgabe der Bergrettung, das Geschehene oder das Verhalten einzelner zu kommentieren. „Wir haben auszubilden und zu informieren, damit solche Unglücke nicht passieren. Und wir haben gut auf solche Einsätze vorbereitet zu sein“, betont Siegl. Das schließe den Selbstschutz der Bergretter mit ein. „Damit wir im Einsatz bedächtig bleiben und nicht über die Grenzen hinausgehen“, sagt Spiegl.