Literatur

Tilman Rammstedt im Interview: Schreiben auf Sicht

„Morgen mehr“ versteht Tilman Rammstedt nicht zuletzt als Kampfansage an die eigenen Zweifel.
© dpa/Sebastian Kahnert

Die Folgen einer Schnapsidee: Das Entstehen von Tilman Rammstedts neuem Roman „Morgen mehr“ kann online mitverfolgt werden. Die TT hat mit dem Autor gesprochen.

Innsbruck – Der deutsche Schriftsteller Tilman Ramm­stedt schreibt ein Buch. Er hat das schon öfter getan. Ziemlich erfolgreich sogar. Sein tragikomischer Roman „Der Kaiser von China“ ist ein potenzielles Lieblingsbuch. „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ ein metaliterarisches Kabinettstück. Trotzdem ist bei „Morgen mehr“ alles anders. Denn Ramm­stedt, der 2008 den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, schreibt unter Beobachtung. Seit 11. Jänner veröffentlicht Rammstedt täglich ein Romankapitel. Gegen eine Abogebühr von acht Euro bekommen es Interessierte wahlweise als E-Mail oder als Whatsapp-Nachricht zugeschickt. Der fertige Roman soll im Mai erscheinen.

Ganz ehrlich: Wie oft haben Sie das Projekt seit 11. Jänner verflucht?

Tilman Rammstedt: Täglich. Aber beim Schreiben meiner anderen Romane habe ich das auch.

Weil Sie Schreiben als Qual empfinden, zu der Sie gezwungen werden müssen? Es gibt PR-Videos für „Morgen mehr“, wo Sie mit Handschellen an den Computer gekettet sind.

Rammstedt: Ach, Qual. Es ist halt manchmal mühsam, einen Text so klingen zu lassen, als sei er nicht mühsam geschrieben worden. Aber Handschellen helfen ja auch nicht beim Schreiben. Sie helfen jedoch gegen das Fliehen.

Und „Morgen mehr“ ist gewissermaßen die Flucht nach vorn?

Rammstedt: Ja, „Morgen mehr“ ist eine Kampfansage an den Zweifel. Drei Monate lang soll er jetzt mal die Klappe halten. Das gelingt mal mehr, mal weniger.

Sie haben mehrfach unterstrichen, dass das Projekt Ihre Idee war. Wie hat der Verlag darauf reagiert?

Rammstedt: Es war bei mir eher eine Schnapsidee, die ich „irgendwann mal“ machen wollte. Mein Verleger Jo Lendle hingegen drängte mich sehr nüchtern dazu, sie nun endlich mal in die Tat umzusetzen. „Anders schreibst du eh kein Buch“, hat er glaube ich gesagt. Er kennt mich sehr gut.

Was würde passieren, wenn Sie nicht mehr weiterwissen? Gibt es einen Plan B in der Schublade?

Rammstedt: Ich weiß jeden Tag nicht weiter. Dann muss halt trotzdem irgendetwas geschehen. Der gesamte Roman ist ein Plan B. Auch weil es ja nie einen Plan A gab.

Sie hätten sich vorab irgendwelche Handlungsbögen zurechtlegen können.

Rammstedt: Wie gesagt, es gab keinen Plan vorher, und es gibt auch jetzt keinen. Das ist alles Schreiben auf Sicht. Ich hatte mir zwar vorgenommen, mir vorher alles Mögliche zurechtzulegen, aber dann waren die Handschellen doch nicht eng genug.

Hat sich Ihr Schreibprozess durch das Experiment verändert?

Rammstedt: Ich dachte, dieses Schreiben würde mich wahnsinnig strukturieren. Aber bislang ist es leider so, dass ich den ganzen Tag mit Schreiben, Verwerfen, Fluchen, Fliehen und Lauern beschäftigt bin. Aber ich habe ja auch noch acht Wochen, um das etwas gesünder zu gestalten.

Das fertige Buch ist für Mai angekündigt, wird es sich von den digitalen Lieferungen an Ihre Abonnenten unterscheiden?

Rammstedt: Mit Sicherheit. Ob es aber nur überarbeitet wird oder im Grunde noch einmal neu geschrieben, entscheiden mein Verleger und ich allerdings naturgemäß erst im April.

Werden die einzelnen Kaptitel von „Morgen mehr“ denn gar nicht lektoriert?

Rammstedt: Es wird jeden Tag lektoriert, von meinem Verleger nach Feierabend, manchmal mitten in der Nacht, manchmal rennt er bei Geschäftsessen immer mal wieder kurz vor die Tür, um mit mir zu telefonieren. Aber natürlich sind sowohl er als auch ich froh, nach Ende des Live-Schreibens noch etwas Zeit für mehr Gründlichkeit zu haben. Aber genau das war ja auch eine der Grundideen für das Projekt: das Entstehen eines Romans zu begleiten.

Online kann Ihr Text auch kommentiert werden. Lassen Sie sich von diesen – fraglos gut gemeinten – Vorschlägen beeinflussen?

Rammstedt: Es soll kein interaktiver Roman werden. Aber ich freue mich über die Überlegungen, die da in den Kommentaren angestellt werden. Und manchmal komme ich dadurch tatsächlich auf neue Ideen. Einen Vorschlag übernommen habe ich bislang aber noch nicht und werde es wahrscheinlich auch nicht tun. Da habe ich so einen doofen Schriftstellerstolz.

Das Gespräch führte Joachim Leitner