Tiroler Sozialvereine warnen vor neuer Obdachlosigkeit
Laut „Liste Fritz“ leben in Tirols Altenheimen 170 Menschen unter 60 Jahren. Auch Sozialvereine fordern ein besseres Angebot.
Von Alexandra Plank
Innsbruck –2011 wurden Fälle von Behinderten publik, die mangels eines geeigneten Angebots in Tiroler Altenheimen untergebracht wurden. Es handle sich um Einzelfälle, hieß es damals. Eine Anfrage der Landtagsabgeordneten Andrea Haselwanter-Schneider, Liste Fritz, zeigt jetzt, dass das Problem strukturell sein dürfte. Auch die Volksanwaltschaft hat Altenheime wiederholt als „kein geeignetes Lebensumfeld für wesentlich jüngere Menschen“ kritisiert.
Laut Soziallandesrätin Christine Baur sind aktuell 170 Bewohner unter 60 Jahren in den Tiroler Wohn- und Pflegeheimen untergebracht. „Diese Zahl hat mich sehr erstaunt“, sagt Haselwanter-Schneider. Aus ihrem Umfeld weiß sie, wie schwer es ist, für junge Pflegefälle nach der Reha eine geeignete Unterbringung, und sei es nur eine Kurzzeitpflege, zu bekommen.
„Altenheime sind für junge Pflegebedürftige nicht der richtige Ort. Sie brauchen ein anderes Umfeld und eine andere Betreuung“, erklärt die Politikerin. Die Liste Fritz fordert eigene Einrichtungen für junge Pflegebedürftige. Das habe Vorteile für die Betroffenen, die Mitarbeiter der Einrichtungen und Angehörigen. Insbesondere im Großraum Innsbruck/Innsbruck-Land wäre das sinnvoll.
Die Tiroler Sozialvereine haben das Thema bei ihrem Treffen am Josefitag aufgenommen und richten eine Warnung an die Politik: Es drohe eine neue Form der Obdachlosigkeit. Michael Fill vom VertretungsNetz Sachwalterschaft Tirol schildert den Fall eines „unangepassten“ 45-Jährigen, der körperlich behindert und geistig beeinträchtigt ist.
Familie hat er nicht, der Mann wollte von einer Einrichtung der Lebenshilfe in ein Altenheim wechseln. Dort wurde er nach einiger Zeit auffällig und gekündigt. Ein anderes Heim nahm ihn auf.
Doch auch dort kam man mit seinen Eigenheiten nicht zurecht. „Ich verstehe die Heimleiter, sie handeln rechtlich korrekt. Die Institutionen sind am Anschlag, da kann man sich nicht um jemanden kümmern, der eigen ist“, so Fill. Der strukturelle Druck auf die Einrichtungen, das lückenhafte Angebot, besonders außerhalb der Ballungszentren, die fehlende zeitnahe Verfügbarkeit eines Angebots würden eine neue „Qualität“ bei der Suche nach einem Wohnplatz in Tirol mit sich bringen. „Wenn Sie etwa ein grottenschlechter Autofahrer sind, kann Sie eine Versicherung ablehnen, aber irgendeine muss Sie nehmen“, sagt Fill. Das sei bei „unangepassten“ Behinderten nicht der Fall.
Paso Zengin, Mitglied des Leitungsteams von Selbstbestimmt Leben, sagt: „Menschen unter 60 gehören nicht ins Altenheim. Laut UN-Konvention müssten sie darin unterstützt werden, zu Hause wohnen zu können oder in Wohngemeinschaften, wo ihre Privatsphäre gewahrt wird.“
Laut LR Baur gelte es, alle Angebote zu verknüpfen und ein besseres Entlassungsmanagement für Menschen, die aus der Reha kommen, aufzubauen. Man sei bemüht, verstärkt betreutes Wohnen anzubieten, das scheitere oft am Platz. Die Notwendigkeit individueller Betreuung sei dem Land bewusst, die Gefahr einer neuen Obdachlosigkeit hält sie für überzogen.