Tanz auf dem Mietfeld

1000 Quadratmeter kunstvolle Störung der visuellen Ordnung auf einem Thauerer Feld durch die Gruppe knowbotiq.

Idrissa Apunda bei seinem Tanz in einem Kleid afrikanischer Sklavinnen auf einem mit bedruckten Folien bedeckten Thaurer Feld.
© Andreas Rottensteiner / TT

Von Edith Schlocker

Thaur –Vergangenen Samstag, 16 Uhr, auf einem Thaurer Feld: Die Stimmung ist surreal. Die bereits tief stehende Sonne bringt das zehnmal 100 Meter große Stück Folie wunderschön zum Leuchten, das drei Männer in zotteligen Kostümen, die durchaus von der Fasnacht übriggeblieben sein könnten, auf dem Feld auslegen. Und mit leeren Plastiksäcken von Düngemitteln beschweren, die sie vorher mit Erde gefüllt haben. Die Männer, die das tun, sind „normale“ Landarbeiter, ihre Gewänder sind allerdings alles andere als normal. Genauso wie die Folien, die sie ausbreiten, andere sind als die lichtspeichernden und unkrautvernichtenden nebenan, unter denen bereits jetzt – mitten im Winter – die ersten Radieschen der Saison zu wachsen beginnen.

Die kleine Gruppe derer, die gezielt an diesem Nachmittag hierhergekommen ist, weiß, dass die Gruppe knowbotiq das Thaurer Feld für ihre Kunst­intervention „The Secret Life of Algorithmic Plants“ ausgesucht und für 14 Tage gemietet hat. Und die zufällig Vorbeikommenden merken bald, dass sich hier etwas Besonderes tut. Nicht zuletzt, da eine Drohne unablässig ihre Kreise über dem Feld zieht. Was zwar mit der Kunstaktion nichts zu tun hat, atmosphärisch aber wunderbar dazu passt.

Geht es knowbotiq in ihrem als Serie angelegten Projekt „The BlackGhillie Landscape presents“ doch um die Untersuchung aktueller politischer Landschaften. In „The Secret Life of Algorithmic Plants“ um eine Intervention in die visuelle Ordnung der großbäuerlichen Argrarlandschaft rund um Innsbruck. Indem sie sie „stören“, in ihrer Widersprüchlichkeit enttarnen, in einen globalen Kontext stellen.

Räumt doch die mit im Internet gefundenen Tirolbildern bedruckte Plane gründlich mit dem sorgsam gepflegen Image kleinbäuerlicher tirolerischer Idylle auf. Indem hier eine fiktive Landschaft Tirols skizziert wird, die immer mehr durch maschinelle und algorithmische Logiken bestimmt wird.

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Bei der samstägigen Eröffnung wurde die Plane zur Tanzfläche für Idrissa Aponda, der zu den von DJ Raw Forest gemixten Klängen seine eigenartige Mischung aus archaischen Erntetänzen mit Hip-Hop und Disco performte. Der Tänzer trägt dabei ein opulentes, bunt bedrucktes Kleid, wie es die ehemals nach Surinam verschleppten afrikanischen Sklavinnen bei der Feldarbeit tragen mussten. Um auf diese Weise zu einer queeren Figur zu mutieren, die auf dem Feld tanzt, anstatt auf ihm zu arbeiten.

„The Secret Life of Algorithmic Plants“ ist sicher eine der spektakulärsten der rund 20 Kunstaktionen im öffentlichen Raum, die seit 2007 dank einer vom Land Tirol getragenen Förderaktion realisiert werden konnten.


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