Der Glaube zwischen Asylgrund und Todesurteil

Immer mehr Flüchtlinge wollen vom Islam zum Christentum übertreten. Von Taufvorbereitung, Glaubensprüfung und Kritik an den Behörden.

Das Ritual der Taufe (das Bild zeigt das Bildnis der Taufe Jesu im Jordan) kann ein Todesurteil sein.
© dpa

Von Michael Sprenger

Wien –Wer in seiner Heimat von Todesstrafe bedroht wird, darf nicht abgeschoben werden. Das ist hierzulande herrschendes Recht. Wer in Afghanistan, Syrien oder im Irak vom Islam abfällt, wird mit dem Tode bestraft. Das ist in diesen und anderen muslimischen Ländern Praxis.

Mit dieser Ausgangslage sind in Österreich immer häufiger die christlichen Kirchen konfrontiert. Sie steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. Immer mehr Muslime klopfen an den Kirchentoren mit der Bitte an, zum Christentum übertreten zu wollen. Auf den ersten Blick ein Dilemma. Hierzulande sind die beiden großen christlichen Amtskirchen mit Kirchenaustritten konfrontiert. Wenn also wer zum Christentum übertreten will, dann löst das herzliche Freude, offene Arme und Aufnahmebereitschaft aus. Doch zugleich weiß man, dass es sich bei Asylwerbern vielleicht nur um eine vorgetäuschte Abkehr vom bisherigen Glauben handelt, um seine Chancen im Asylverfahren zu erhöhen.

Doch wie gehen jetzt die Kirchen mit dem Phänomen um? In der Erzdiözese Wien bestätigt man der Tiroler Tageszeitung das große Interesse von Flüchtlingen am christlichen Glauben. Fünf bis zehn erwachsene Asylwerber pro Woche melden sich bei der Erzdiözese. Tendenz weiter steigend.

Doch anders als bei den Freikirchen ist es keinesfalls so, dass der bloße Wunsch, Christ zu werden, reicht, um rasch getauft zu werden. Friederike Dostal, Referentin für den Katechumenat (Tauf-Vorbereitung von Erwachsenen) in der Erzdiözese Wien, verweist auf eine einjährige Taufvorbereitung. „In diesem intensiven Jahr zeigt es sich dann auch, ob es sich um eine wirkliche innere Überzeugung handelt, Christ zu werden.“

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Im Jahr 2014 gab es österreichweit 305 Erwachsenentaufen. In der Diözese Innsbruck gab es 2014 insgesamt 37 Erwachsenentaufen, 2015 waren es 25. Heuer, am ersten Fastensonntag waren 23 Erwachsene bei der Zulassungsfeier anwesend. Das Phänomen gibt es also auch in Tirol, sagte Elisabeth Rathgeb, Seelsorgeamtsleiterin für Innsbruck.

In den Kirchen steht aber das „Schein-Christentum“ nicht so sehr im Vordergrund. Sorgen bereitet ihnen immer mehr die Angst für die konvertierten Christen. Denn ihnen droht auch hierzulande Gefahr.

Deshalb ist die evangelische Kirche in Österreich nicht bereit, Auskunft über jene Pfarren zu geben, wo Erwachsene getauft werden. „Familien werden regelrecht verfolgt. Wir sind deshalb sehr zurückhaltend. Zum Schutz der Betroffenen“, berichtet Karl Schiefermair, Oberkirchenrat der evangelischen Kirche in Österreich.

Elmar Kuhn, Generalsekretär von CSI Österreich (Christian Solidarity International), weiß um diese Gefahren. „Uns sind einige dokumentierte Fälle aus Flüchtlingsquartieren in Österreich bekannt, wo Christen oder Menschen, die zum Christentum übertreten wollen, offen bedroht werden.“

Wer also vom Islam zum Christentum konvertiert, riskiert viel. Im Asylverfahren selbst wird dann aber trotzdem von staatlicher Seite das Wissen über den christlichen Glauben, die Bibelfestigkeit und vieles mehr abseits von Jesus und Maria geprüft. Und diese Prüfung ist streng. „Ich gehe davon aus, dass viele österreichische Katholiken diese Fragen nicht so ohne Weiteres beantworten können“, sagte Rathgeb.

Karl Schiefermair stößt diese Glaubensprüfung sauer auf. „Wir haben auch bei der evangelischen Kirche, wie die Katholiken, einen Taufunterricht. Wir haben ein 100 Seiten starkes Konvolut erstellt, das als Hilfestellung herhalten kann, um das Christsein zu lernen. Und wenn ein Pfarrer der Meinung ist, Herr A oder Frau B ist soweit, getauft zu werden, spielt sich eine staatliche Behörde im Asylverfahren zum Richter über religiöse Angelegenheiten auf. Das ist unmöglich und untergriffig“, wettert der Oberkirchenrat.

Hier ist Friederike Dostal zurückhaltender. Sie verweist auf die gute Zusammenarbeit mit den Behörden. Wenn im Laufe der Taufvorbereitung Zweifel an der „Ernsthaftigkeit der Bekehrung bestehen, wird die Taufe verschoben, bis die Zweifel behoben sind“, ergänzte Michael Prüller, Pressesprecher der Erzdiözese Wien.


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