Zeit in Klang und Bewegung gemessen
Hall – Für Gott ist alles Gegenwart, schrieb Augustinus – Zeit war für den Philosophen und Kirchenmann lediglich ein Phänomen der Schöpfung....
Hall –Für Gott ist alles Gegenwart, schrieb Augustinus – Zeit war für den Philosophen und Kirchenmann lediglich ein Phänomen der Schöpfung. Dass in der Gegenwart sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft gegenwärtig sind, machen die neun Tänzer des Bodhi-Projekts von SEAD (Salzburg Experimental Academy of Dance) in „Zeit-Bild“ sichtbar. Choreograph Étienne Guilloteau, der das Tanzstück gemeinsam mit dem Musikdramaturgen Alain Franco vergangenes Jahr entwickelte, ließ sich von Philosoph Henri Bergson inspirieren. Mit seinen Schriften über Zeit und Bewegung wurde Bergson zu einem der zentralen Denker des modernen Tanzes. Die innerpsychische Dauer – die erlebte Zeit des Ich – ist Kern seiner zeittheoretischen Konzeption. Bei Bergson wird die Zeit zum schöpferischen Wandel.
Diesen Wandel inszeniert Guilloteau mit großer Behutsamkeit, Bilder entstehen und vergehen im subtilen Spiel des Lichtes, das Salzlager Hall bietet einen passenden Rahmen für das abendfüllende Stück.
Die Musik wird von leisen Bewegungen herbeigerufen, die acht Mitglieder des œnm . österreichisches ensemble für neue musik teilen sich die Bühne mit den Tänzern. Zu den Klängen von Morton Feldman, Wolfgang Amadeus Mozart, Maurice Ravel, Beat Furrer, Elliot Carter und György Ligeti scheinen die Choreographien zu erwachsen, die Handlungen der Tänzer, von großer Zärtlichkeit getragen, nehmen Intensität und Dynamik der Musik vorweg. Erinnerungen, Emotionen, Traumbilder – das Innere wird in dieser musikalischen Geschichte der Zeit sacht nach außen getragen. (sire)