Darmkrebs muss nicht sein
5000 Österreicher erkranken jedes Jahr an Dickdarmkrebs. Der Telfer Chirurg Hermann Draxl wünscht sich, dass die Tiroler wie in Vorarlberg zur Vorsorge eingeladen werden.
Von Theresa Mair
Innsbruck –„Keine Ausreden mehr“, sagt Tenor Plácido Domingo in einem Fernsehspot für die Österreichische Krebshilfe. Die Darmspiegelung habe sein Leben gerettet.
In dem Clip motiviert der Opernsäger die Bevölkerung dazu, die Vorsorgeuntersuchung in Anspruch zu nehmen. Die Darmspiegelung – Koloskopie – ist für jeden Österreicher ab 50 Jahren kostenlos, wenn sie im Spital oder beim Facharzt durchgeführt wird, der einen Vorsorge-Koloskopie-Vertrag hat. Das Gute daran: Die Untersuchung ist nicht jährlich notwendig.
Die Ärztekammer nutzt den „Darmkrebsmonat März“, um ein flächendeckendes Vorsorgeprogramm nach Vorarlberger Vorbild zu fordern. Im Nachbarbundesland wurden von 2007 bis Ende 2015 alle 50-Jährigen schriftlich zur Darmspiegelung eingeladen. „Wir haben in diesem Zeitraum mehr als 26 Prozent der in Frage kommenden Zielgruppe erreicht. Vor Einführung des Programms war jeder zweite diagnostizierte Dickdarmkrebsfall bereits im metastasierten Stadium. Die Sterblichkeitsrate lag bei 50 Prozent. Nun werden nur noch 8,7 Prozent der Fälle im metastasierten Stadium diagnostiziert“, sagte Michael Jonas, Präsident der Vorarlberger Ärztekammer diese Woche.
Die Sterblichkeitsrate in Vorarlberg sei binnen fünf Jahren von 50 auf 40 Prozent gesunken. Das ist ein Fortschritt, den sich Hermann Draxl auch für Tirol wünschen würde. „Nur elf bis 15 Prozent der Tiroler Berechtigten gehen zur Vorsorge“, sagt der Telfer Chirurg. Österreichweit erkranken jedes Jahr rund 5000 Menschen an Dickdarmkrebs, rund 2300 sterben jedes Jahr.
„Die Vorsorge macht immer Sinn bei einem Krebs, der sich aus einer Vorstufe entwickelt. 90 Prozent der Dickdarmkrebs-Fälle kann man durch rechtzeitige Vorsorge verhindern“, sagt Draxl. Grund dafür sei, dass der Tumor sehr langsam – im Lauf von zehn bis fünfzehn Jahren – aus einer ursprünglich gutartigen Schleimhautwucherung entstehe. Diese so genannten Adenome werden im Zuge der Darmspiegelung nicht nur entdeckt, sondern auch gleich mit einer Zange oder Schlinge entfernt. Allerdings funktioniere dies nur, solange noch kein Krebs entstanden ist.
„Einen Tumor muss man operativ entfernen und dabei etwa 30 bis 50 Zentimeter vom insgesamt 150 Zentimeter langen Dickdarm wegoperieren. Wenn auch schon die Lymphknoten befallen sind, führt kein Weg an einer Chemotherapie vorbei. Die Leute sollen deshalb zur Darmspiegelung gehen, auch und gerade wenn sie nichts spüren“, sagt Draxl.
Warum das so viele trotzdem nicht tun, erklärt er sich u. a. mit dem Tabu, mit dem Untersuchungen im Verdauungstrakt und Intimbereich immer noch belegt seien. Doch der Mediziner beruhigt: „Die Patienten bekommen häufig spezielle Koloskopiehosen, damit sie sich unten herum noch etwas bedecken können.“
Zudem ist bei einem unauffälligen Befund erst nach sieben bis zehn Jahren die nächste Koloskopie fällig. „Was sind schon ein paar geopferte Stunden in zehn Jahren gegen eine Krebserkrankung, die einen mitten aus dem Leben reißt?“, appelliert Draxl, zur Untersuchung zu gehen. Nur wenn dabei drei oder mehr Adenome entdeckt worden sind, ist schon nach drei Jahren eine Kontrolle angesagt. „Bei jedem fünften Patienten findet man Adenome“, sagt Draxl. Diese Trefferhäufigkeit spreche für die Gründlichkeit, die einen guten Arzt ausmache.
Genauso solle es einem Spezialist bei 90 Prozent der Patienten gelingen, mit dem Koloskop bis zur Dünndarm-Einmündung einzusehen. Wenn auch sämtliche Hygienevorschriften eingehalten werden, erhält der Arzt ein Qualitätszertifikat von der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie, das alle zwei Jahre überprüft wird. Eine Liste der zertifizierten Ärzte ist im Internet unter www.vorsorgekoloskopie.at abrufbar.
Und noch eine weitere gute Nachricht hat Draxl parat: „Inzwischen blasen einige Ärzte bei der Koloskopie Kohlendioxid statt Luft in den Darm. Der Vorteil ist, dass CO2 viel schneller abgebaut wird und dadurch der Patient danach keine Bauchschmerzen hat.“ Dank einer Schlafspritze ist die Untersuchung für den Patienten komplett schmerzfrei. Es gibt also keine Ausrede mehr.