Blick in Europas düstere Zukunft: Manfred Rumpls Roman „Dieser Tage“

Wien (APA) - Die Europäische Union ist Geschichte. „Ein Flickwerk von Mauern und Zäunen parzellierte das alte Europa wie einen Kleingartenve...

Wien (APA) - Die Europäische Union ist Geschichte. „Ein Flickwerk von Mauern und Zäunen parzellierte das alte Europa wie einen Kleingartenverein.“ Flüchtlinge sind überall präsent, Wirtschaftskrise und zusammenbrechende Sozialsysteme lassen den Kontinent in Agonie versinken. Das ist der Hintergrund des in Wien spielenden Romans „Dieser Tage“ von Manfred Rumpl, der am morgigen Dienstag präsentiert wird.

Mit seiner Dystopie liegt Rumpl (55), in dessen bisher letzten Romanen der ehemalige SS-Hauptsturmführer Alois Brunner („Ein Echo jener Zeit“) und der Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödinger („Reisende in Sachen Relativität“) im Mittelpunkt standen, exakt am Puls der Zeit. Der Teufel, den die Kritiker einer „Wir schaffen das“-Willkommenskultur Europas an die Wand malen - er hat „Dieser Tage“ gründlich zugeschlagen. Alle Befürchtungen haben sich schon in naher Zukunft bewahrheitet.

Gezahlt wird wieder in Schilling, die Inflation ist ebenso hoch wie die Arbeitslosenrate. Arbeitnehmer- oder Datenschutz sind kaum mehr vorhanden, auf dem Arbeitsmarkt regiert das Faustrecht, in Wirtschaft und Politik die Korruption. Die Auseinandersetzungen zwischen den „radikalen Frommen und ihren nicht minder radikalen Widersachern“ versetzen das Land in einen permanenten Ausnahmezustand. Obdachlose, Demonstranten und Polizisten beherrschen das Straßenbild.

In diesem Umfeld agiert Rumpls Protagonist Vincent Pygmali, ein hoch qualifizierter, doch arbeitsloser Programmierer mit einschlägiger Vergangenheit als Systemkritiker. Das geheimnisvolle Verschwinden seiner schönen Freundin Gala, einer Schauspielerin, die sich ihrerseits auf die Suche nach ihrem plötzlich verschwundenen und offenbar zuvor von einem globalen Wirtschaftsverbrecher-Netzwerk bedrohten Vater, des ehemaligen Wiener Baustadtrats, gemacht hat, wirft ihn aus der Bahn. Auf dunklen Pfaden organisiert er sich einen Quantencomputer, mit dem er in streng geheime Datensysteme eindringt und das elektronische Schließfach seiner sich offenbar in Asien eine zweite Existenz aufbauenden Freundin knackt.

„Dieser Tage“ wird mit Fortdauer des Buches zu einer etwas unübersichtlichen Mischung aus Science-Fiction, Gesellschaftskritik und Liebesgeschichte. Rumpl entwirft ein Zukunftsbild, in dem Hologramme und Fuzzylogik unser Leben bestimmen, virtuelle Doubles konstruiert werden und ein Haushaltsroboter zum Star einer Kochshow wird. Den Technik-Schnickschnack kontrastiert er hintersinnig mit Schattenbildern von Straßenszenen, die Pygmalis Souterrainwohnung zu Platons Höhle machen. Eine äußerst provisorisch in einer vom Abbruch bedrohten Siedlung wohnende, kämpferische Expolitikerin, eine afrikanische Einwandererfamilie und eine kleine Widerstandsgruppe mit außergewöhnlichen Programmierfähigkeiten bilden das soziale Umfeld Pygmalis, dessen Kampf gegen das Establishment von vornherein aussichtslos scheint.

Viel Zukunftshoffnung gibt es „Dieser Tage“ nicht. Doch Halt, eine gute Nachricht gibt es: Der Wein des 2019er Jahrgangs wird, glaubt man Rumpl, ganz großartig werden.

(S E R V I C E - Manfred Rumpl: „Dieser Tage“, Picus Verlag, 280 S., 24 Euro. Buchpräsentation: Dienstag, 15. März, 19.30 Uhr, tiempo nuevo, Taborstraße 17a, 1020 Wien. www.manfredrumpl.com)