Schwaz

„Im nächsten Leben werden Sie meine Frau“

© Dähling

Sie hören zu, halten Hand, versuchen letzte Wünsche zu erfüllen. Drei Hospizbegleiterinnen erzählen aus ihrem stets besonderen Alltag.

Von Angela Dähling

Schwaz –Es passierte auf der regennassen Autobahn: Aquaplaning, Kontrollverlust über das rasant drehende Fahrzeug. „Ich dachte, das war’s jetzt“, schildert Monika Schmidt. „Und dann lief plötzlich mein ganzer Lebensfilm vor mir ab – ganz friedlich, hell und schön“, erzählt die 75-jährige Vomperin. Als sie sich kaum verletzt im Moras­t wiederfand, war sie traurig: „Traurig, dass dieser besondere Momen­t vorbei war, denn es war unbeschreiblich schön.“ Ihr Nahtod­erlebnis erzählt sie nur noch selten. Und das, obwohl sie täglich mit Menschen zu tun hat, die den Tod vor Augen haben. Monika Schmidt arbeitet seit sechs Jahren ehrenamtlich als Hospizbegleiterin am Schwazer Krankenhaus.

„Es geht dabei nicht darum, seine eigenen Geschichten und Überzeugungen in die Arbeit einzubauen, sondern herauszufinden, was der Mensch vor einem braucht, und eine neutrale Rolle einzunehmen“, erklärt Gabi Hauser, die vor zehn Jahren die ehrenamtliche Hospizbegleitung im Bezirk Schwaz gründete. Mittlerweile begleiten hier insgesamt 19 Ehrenamtliche Menschen auf ihrem letzten Weg. Darunter auch Chemielaborantin Sandra Schenkel. „Man lernt in der Hospizbegleitung wahnsinnig viel über sich selbst. Und auch, dass man sich selbst nicht auf andere projizieren darf“, erklärt die 32-jährige Kolsasserin. Sie genieße schöne Momente jetzt bewusster.

Einen Alltagstrott gibt es in der Hospiz nicht. „Jede Begegnung ist anders. Man kann sich auf nichts vorbereiten“, sagt Schmidt. Sie habe es auch schon erlebt, dass Patienten bei ihrem Anblick regelrecht geschockt waren und es mit der Angst zu tun bekommen, wenn sie unter Schmidts Namenschild „Hospizbegleitung“ lesen. „Es kommen Ängste an die Oberfläche und man fragt sich mitunter, wie diese Menschen vorher waren. Vor dieser Extremsituation.“

Manche würden ihre ganze Lebensgeschichte erzählen, andere fast nichts. So wie der Mann, der erst aufblühte, als das Thema auf seine Geißen fiel. „Unsere Aufgabe ist es, trotz allem auch Lebensfreude zu vermitteln“, sagt Hauser. Und dabei würden auch Alltagsthemen helfen.

Gabi Hauser erinnert sich an eine etwa 60-jährige Patientin, der auf einmal bewusst wurde, wie begrenzt ihre Zeit ist. „Ich brauche Zeit! Ein Leben ist nicht genug“, habe die Frau gesagt. Halt zu geben, zuzuhören und letzte Wünsche wenn möglich zu erfüllen und ganz oft auch den Wunsch nach Berührung, Handhalten – darum geht es in der Hospizbegleitung. „Manche wollen noch mal auf einen bestimmten Berg, andere vermissen ihr Haustier, ganz viele möchten noch mal heim“, erzählen Schmidt und Schenkel, die auch manchmal von sehr persönlichen Dingen erfahren, über die der Patient mit seiner Familie nie spricht.

„Einer, er war unter 60 Jahre alt, muss früher ein gutaussehender Casanova gewesen sein“, erinnert sich Schmidt. „Er wollte unbedingt flirten und ich ging darauf ein, weil es ihm so viel Freude machte. Aber auch ich habe mich gut dabei gefühlt. Und eines Tages sagte er: ‚Im nächsten Leben werden Sie meine Frau‘“, erzählt die 75-Jährige lächelnd.. Was aber kommt nach dem Sterben? Eine Frage, die den drei Hospizbegleiterinnen nicht selten gestellt wird. „Ich gebe die Frage meistens zurück: Was glauben Sie?“, sagt Hauser. Die drei Frauen sind sich einig: „Sterben ist was ganz Natürliches. Es gehört zum Leben. Es wäre gut, wenn sich die Leute damit beschäftigen.“

Sterben sei leicht und friedlich, sagt Monika Schmidt, die dankbar dafür ist, dass sie bei solch besonderen Momenten mehrfach dabei war. Es sei ein besonders energetischer Moment. „Es ist spürbar, wenn Menschen gehen. Die Atmosphäre verändert sich“, bestätigt auch Gabi Hauser. Ihre Arbeit habe sie auf eine andere Bewusstseinsebene gebracht. „Ich nehme die Menschen jetzt anders wahr.“

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