Kunst

Stille Post aus einem Feld aus Stein

© West.Fotostudio

Olaf Nicolai hat „7 Postkarten für Innsbruck“ in die Taxisgalerie geschickt. Man muss auf ihnen vor allem zwischen den Zeilen lesen.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Von Olaf Nicolais Beitrag für den deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale 2015 war kaum etwas zu sehen: Ab und zu eine schemenhafte Bewegung, hin und wieder ein unbekanntes Flugobjekt. Man hatte den wuchtigen Nazi-Bau, an dem sich die Kunst schon so oft abgearbeitet hat, zur (Denk-)Fabrik umgestaltet, Nicolais Beitrag war, wiewohl fast unsichtbar, einer der prägnantesten: Er installierte eine Schattenwirtschaft auf dem Pavillon-Dach, ihre Erzeugnisse, einfache Bumerangs, sollten später in einer anderen Schattenwirtschaft, nämlich bei den fliegenden Händlern Venedigs, wieder auftauchen.

Sozialpolitische Referenzen, Konsum, Kapitalismus tauchen im Werk des 1962 geborenen deutschen Künstlers immer wieder auf. Natur, Wissenschaft, Beziehungen zwischen Raum, Körper und Zeit sind andere, wichtige Koordinaten in seinen vielschichtigen Kunstsystemen, die häufig ortsspezifisch entstehen. Mitunter begegnet man bei Nicolai aber auch dem puren Sinnesreiz als Instrument, um eingefahrene innere Systeme aufzumischen: Die auf Lebendtemperatur aufgeheizte und mit einem Einhorn ausgestattete Pferdeskulptur „La Lotta“ ist so ein Fall, 2008 war sie in der Gruppenschau „Ritornell“ in der Taxisgalerie zu sehen.

Dort wird jetzt die erste größere Einzelausstellung des mehrfachen Biennale- und Documenta-Teilnehmers von 1997 in Österreich gezeigt. Man gerät zunächst ins reduzierte Ambiente einer von Nicolai mittels Licht und Farbe gestalteten Raumfolge. Der Titel „There ist no place before arrival“ bezieht sich auf eine Annahme aus der Medientheorie: Informationen, die – egal ob in Gedanken, Worten, Bildern oder Gesten – übermittelt werden, lassen sich erst dann räumlich verorten, wenn sie angekommen sind. Doch was passiert zwischen Ziel- und Ausgangspunkt? Das ist an sich ein schöner Gedanke, zumal die Zwischenräume in einer Welt der beschleunigten Informationsflüsse zwar immer enger, aber auch unkontrollierbarer zu werden scheinen. Doch anstatt sich zu konkretisieren, zerfällt die Idee in einem allzu breiten, theoretisch überfrachteten Feld an (zum Teil interaktiven) Versuchsanordungen: Der Spiegeltest mit Tieren wird da genauso aufgeboten wie die wahrnehmungsverändernde Wirkung des Sich-auf-den-Sockel-Stellens. Die Kunstvermittlung dürfte hier ziemlich gefordert sein.

Der Parcours endet bei jenen Speichermedien, die menschlich bemessene Zeit und Information wohl am dauerhaftesten bewahren werden, nämlich Sand und Stein. Letzeres ist auch der Grundstoff der eigens für die Ausstellung entstandenen Arbeit, mit der Nicolai auf örtliche Gegebenheiten reagiert: die Geschichte der Grafen Thurn und Taxis, die als Begründer des modernen Postwesens gelten. Für den Transport von Briefen bedurfte es einst einer kaiserlichen Genehmigung – was, so Nicolai, ein spannendes Schlaglicht auf „die Kontrolle von Informationsflüssen“ werfe. Die „7 Postkarten für Innsbruck“ sind ein ungleich poetischerer Zugang zu Nachrichtenübertragung. Den Anstoß dafür gab der Versuch des Komponisten Iannis Xenakis, seine Musik visuell zu übersetzen. Nicolai interpretierte das, was Xenakis auf eine Postkarte zeichnete, als ein aus der Luft betrachtetes Steinfeld – und nahm den Faden auf: Er schickte der Sängerin Noa Frenkel sieben Postkarten mit den Fotografien von Steinschnitten, die sie wiederum in Gesang übersetzt hat. Aus diesem Stille-Post-Spiel entstand eine 35mm-Filminstallation, die abstrakte Phänomene wie Zeiterfahrung, Informationsfluss und -speicher in der zum Kino umgebauten Unteren Halle der Galerie zur durch und durch sinnlichen Erfahrung macht.