Wifo-Chef sieht „Wellblechkonjunktur“ begünstigt durch Sonderfaktoren
Wien (APA) - Wifo-Chef Karl Aiginger sieht Österreich derzeit begünstigt durch die Sonderfaktoren Steuerreform, Flüchtlinge und billiges Öl ...
Wien (APA) - Wifo-Chef Karl Aiginger sieht Österreich derzeit begünstigt durch die Sonderfaktoren Steuerreform, Flüchtlinge und billiges Öl einer typischen „Wellblech-Konjunktur“ ausgesetzt - in einem Quartal besser, in einem anderen schlechter. Auch der niedrige Eurokurs und die niedrigen Leitzinsen würden sich als Hilfskräfte erweisen. Ohne Sonderfaktoren läge das BIP-Wachstum nur bei rund einem Prozent.
Die Grundtendenz der Konjunktur sei relativ schwach“, sagte Wifo-Ökonom Stefan Ederer zu den „knapp ein Prozent“ Wirtschaftswachstum ohne Sonderfaktoren, die Aiginger als Konjunkturstabilisatoren bezeichnet, die es derzeit „glücklicherweise“ gebe. Steuerreform und Flüchtlings-Ausgaben bzw. -Versorgung würden je 0,1 bis 0,2 Prozent zum BIP beitragen, womit hieraus 2016 in Summe 0,4 Prozent kommen könnten.
Laut Aiginger ist die Konjunktur-Grundtendenz derzeit „eine relativ breite Erholung“ - weil sie ganz Europa erfasst -, „aber schwach und holprig oder fragil“, weil sie von Quartal zu Quartal wechselt. Das für 2016 und 2017 angenommene BIP-Wachstum Österreichs von je 1,6 Prozent sei „doppelt so viel wie in den vergangenen Jahren“ und sogar mehr als die mittelfristige Annahme von plus 1,5 Prozent. Auch von der Wirtschaftserholung in Osteuropa profitiere Österreich. Möglicherweise werde der Migrationsdruck von dort bei stärkerem Wirtschaftswachstum schwächer sein, meinte Aiginger am Donnerstag vor Journalisten.
Den Zuzug aus Mittel- und Osteuropa nannte der wirtschaftspolitische Experte des IHS, Helmut Hofer, „durchaus positiv“, erlaube er doch, dass die heimische Wirtschaft stärker wachse. Die Liberalisierung der Arbeitsmärkte für den Osten sei „ein Potenzial. Wenn man es nutzt, kann man mehr Jobs schaffen“, so Hofer.
Die Migration bringt freilich auch Probleme für den heimischen Arbeitsmarkt, aber nur teils durch Ausländer. Dass das Angebot an Arbeitskräften nach wie vor die Nachfrage bei weitem übersteigt, ist auch hausgemacht. Die Zahl der Erwerbspersonen wird - mit leicht abnehmender Tendenz - weiter steigen.
Nach 73.200 Personen im Vorjahr dürfte es heuer um 70.000 Erwerbspersonen mehr geben, 2017 dann nochmals 61.000 mehr, glaubt das Wifo. Neben der Flüchtlingsmigration spielen da auch spätere Pensionsantritte und eine höhere Frauenbeschäftigung mit hinein. Für die aktiv Erwerbstätigen erwartet das Wifo dagegen - nach 38.200 voriges Jahr - heuer und 2017 jeweils „nur“ 47.000 mehr. Dabei dürfte es jeweils um 42.000 (je +1,2 Prozent) zusätzliche unselbstständig aktiv Beschäftigte geben, davon je 33.000 ausländische Arbeitskräfte, die offenbar rasch unterkommen, und je 9.000 mehr inländische Arbeitskräfte.
Die Arbeitslosenzahl wird weiter steigen - von heuer im Schnitt 377.300 auf 391.300 nächstes Jahr, so das Wifo, aber der Zuwachs an vorgemerkten Arbeitslosen verringert sich von 23.000 auf 14.000 (nach +35.000 im Vorjahr). Die Konjunkturerholung sei zwar für einen Abbau der Arbeitslosigkeit zu gering, sagte der Wifo-Chef, „aber 2015 war der Anstieg nicht so stark wie erwartet“. Flüchtlinge mit positivem Asylbescheid sollten fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden, verlangte Hofer, der auch für eine Konzentration auf die Frühförderung 3- bis 5-Jähriger plädierte, um in dem Alter die Defizite von Kindern aus bildungsfernen Schichten zu vermeiden statt später relativ schwierig teure S-Maßnahmen setzen zu müssen.
laut Wifo dürfte die Arbeitslosenquote 2016 auf 9,5 und 2017 auf 9,8 Prozent steigen. Beim Institut für Höhere Studien (IHS) sieht man einen Anstieg auf 9,4 sowie 9,8 Prozent - 2015 lag die Rate bei 9,1 Prozent.
Obwohl Österreich 2016 konjunkturell durch die Sondereffekte „mitnaschen“ könne, habe das Land seine Strukturprobleme und den Reformstau „nicht aufgelöst“, kritisierte der Wifo-Chef.
Die in Österreich schon wieder um einen Prozentpunkt über der deutschen Teuerung liegende Inflationsrate bezeichnete IHS-Experte Hofer als Gefahr für die heimische Wettbewerbsfähigkeit - nämlich dann, wenn dies in höhere Löhne und letztlich höhere Kosten für die Unternehmen eingehe. Kurzfristig sei der Effekt zunächst gering, kumuliere sich aber.
Aiginger sorgt sich angesichts der in Österreich vergleichsweise hohen Inflation um die dadurch „begrenzten Konsum- und Wachstumsmöglichkeiten“. Denn 2017, ein Jahr nach der Steuerreform, werde schon wieder der Effekt rückläufiger Pro-Kopf-Reallöhne eintreten, was sich als Konsumbremse erweisen könnte. Schon in den letzten fünf Jahren vor der Steuerreform habe es den Effekt der Reallohnsenkungen geben, erinnerte er.
Grund dafür, dass die Inflation in Österreich mit 1,2 Prozent heuer und 1,8 Prozent 2017 dann schon das neunte und zehnte Jahr über jener in Deutschland liegen werde, seien „der öffentliche Sektor“, „direkt administrierte Preise“ und „Verkrustungen“, so der Wifo-Chef. „Mehr Wettbewerb“ sei die wirksamste Maßnahme gegen die hohe Teuerung. Als Problemfelder nannte er die Regulierung Freier Berufe, das Betriebsanlagenrecht, die Bedarfsprüfungen bei Apotheken und Notariate - aber auch „die Gesinnung der Konsumenten“, die trotz attraktiver Preisangebot nicht schnell genug wechseln würden.
Zu den Reallöhnen meinte IHS-Ökonom Hofer, diese müssten „in Linie mit der Produktivität wachsen“ - erst wenn die Produktion steige, könnten auch die Löhne wieder steigen. Dem widersprach Wifo-Chef Aiginger: Ziel müsse es sein, die Gesamtproduktivität - samt Energie- und Materialproduktivität - zu erhöhen, nicht nur die Arbeitsproduktivität. Diesbezüglich würden auch OECD und EU „den falschen Fokus“ vornehmen.