Gefangen im System Langeweile
„Iwanow“ am Volkstheater: Wien-Debüt des ungarischen Regisseurs Viktor Bodó mit Tschechows tragischem Flaneur.
Von Bernadette Lietzow
Wien –Anton Tschechow scheint in Wien zurzeit Autor der Stunde zu sein. „Die Möwe“ steht am Spielplan des Akademietheaters, Péter Eötvös’ Adaption der „Drei Schwestern“ feierte vor Kurzem Premiere an der Wiener Staatsoper und kommt am Gründonnerstag in der Regie von David Bösch am Burgtheater heraus. Seit vergangenem Freitag hat nun auch Anna Badoras Volkstheater „seinen“ Tschechow, und man setzt dort mutig auf „Iwanow“, eine der frühen Theaterarbeiten des großen russischen Menschensammlers.
In dem 1887 entstandenen, bis zur Überarbeitung als Komödie gedachten Stück sind die Grundlinien von Tschechows zwischenmenschlichem Biotop schon angelegt, und doch wirkt sein „Iwanow“ anders, roher, weniger ironisch gebrochen als „Der Kirschgarten“, „Onkel Wanja“ oder die erwähnten „Drei Schwestern“. Das Milieu ist bekannt, auch Iwanow ist Angehöriger einer privilegierten Klasse, ein adeliger, wenn auch verarmter Gutsbesitzer in der russischen Provinz. Seine Frau Anna Petrowna, geborene Sarah Abramson, ist nicht nur konvertiert, sie hat für diese Liebesheirat auch den Bruch mit ihrer jüdischen Familie in Kauf genommen. Nun ist sie an Schwindsucht erkrankt, die lebensnotwendige Kur auf der Krim kann ihr Mann nicht finanzieren.
Es ist jedoch nicht so sehr diese tragische Wendung im Leben des Mittdreißigers Iwanow, die diesen in tiefe Depression stürzt, eher, und darauf legt der ungarische Regisseur Viktor Bodó auch den Fokus, ist es das uferlose russische System Langeweile, das ihn als Person entkernt. Im Gegensatz zu der ihn umgebenden Gesellschaft, die sich an ihrem Geiz, ihrer Alkoholsucht oder einfach an ihrer Beschränktheit festhält, hat Iwanow sich aufgegeben. Auch die Liebe der jungen Sascha und die geplante Hochzeit können ihn vor dem finalen Schritt, dem Selbstmord, nicht retten. Bodós Iwanow, den Jan Thümer beeindruckend, berührend und doch vorsichtig distanziert durch den Abend trägt, muss sich nicht, wie im Original, erschießen, sein Senken des Kopfes am Ende genügt, um Bescheid zu wissen über ein „falsches“ Leben. In einer seltsamen Sowjet-Bürgerlichkeit, wo etwas Resopal, abgenütztes Leder und, bei den reichen Lebedews, ein roter Teppich regieren (Bühne: Lörinc Boros), konturieren bewusst holzschnittartige Charaktere das ineinander verwobene Seelen-Quartett Iwanow, Anna, Sascha und Lwow, Annas Arzt. Der dröhnende Verwalter Borkin (Thomas Frank), Iwanows Onkel Graf Schabelskij (Stefan Suske), Saschas gutmütiger, dem Wodka verfallener Vater (Günter Franzmeier), seine gierig-geizige Frau Sinaida (Steffi Krauz), Babakina, die lüsterne Witwe (Claudia Sabitzer), oder die alte Abstauberin Awdotja (Martina Spitzer) gelingen sämtlich schauspielerisch überzeugend, wenn auch ensembletechnisch nicht unbedingt homogen. Am schönsten geraten jene Szenen, wenn die Anna der Stefanie Reinsperger unendlich zart vom sie verehrenden Arzt (Gábor Biedermann) umsorgt wird, wenn Nadine Quittners Sascha Iwanow ungestüm ihre Liebe gesteht, um dann am Ende vor den eigenen Gefühlszweifeln zu erschrecken: wenn die große Langeweile sich an ehrlicher Empfindung reibt, dann ist der Tschechow-Abend im Volkstheater richtig groß.