„Oliver!“ am Landestheater: Mutterseelenallein durchs Leben
Lionel Barts Musical „Oliver!“ ist erstmals am Tiroler Landestheater zu sehen.
Von Ursula Strohal
Innsbruck –„Gott ist Liebe“ steht über dem Speisesaal des Kinderarbeitshauses, aber Gott ist fern und die Kinder hungern. Der Waise Oliver Twist hat hier die ersten Jahre seines Lebens verbracht, dann wird er verkauft und versucht, ein Kind noch und völlig auf sich allein gestellt, nach London in ein besseres Leben zu fliehen. Charles Dickens Sozialkritik aus dem frühen 19. Jahrhundert wurde Weltliteratur. Die 1960 uraufgeführte Musicalfassung von Lionel Bart hat nun erstmals das Tiroler Landestheater erreicht.
Der musicalerfahrene Regisseur Udo Schürmer macht aus „Oliver!“ kein knalliges Nivellierungsspektakel, sondern nähert sich trotz aller bildlichen Bewegtheit und dem Unterhaltungsgebot des Genres Musical in der Grundtendenz dem Roman. Michael D. Zimmermann, der die Bühne flexibel verbaut und mit liebevoll detailliertem Kostümreichtum das Verständnis fördert, bleibt mit Schürmer in der Zeit, um die Geschichte zu erzählen. Sie bringen satirische Züge ein, das Kostüm des Gemeindedieners Bumble (Daniel Raschinsky) ist einer alten Illustration nachempfunden, der psychische Zusammenbruch des Gangsters Bill Sikes (beindruckend böse: Alexander Franzen) nach dem Mord an seiner Gefährtin vertieft die Figur. Der Hehler Fagin ist – bis heute umstritten und deshalb oft verändert – der vor antisemitischen Klischees strotzende Jude, als den ihn Dickens zeichnete. Der großartige Randy Diamond macht ihn zu einer tragikomischen Studie, lenkt den Blick auf das Pech, „so schlecht zu sein wie man gemacht wird“. Berührend Jennifer Maines’ Nancy, die sich im tristen Leben ein großes Herz bewahrt.
Susanna von der Burg, Thomas Lackner, Marc Kugel, Anne Clausen, Rosmarie Reitmeir, Michael Gann, Renate Fankhauser, der quirlige Philipp Meraner, Heidi Jochmus, Constanze Farkas und der sprachlich unzureichende Thomas Mitteregger sowie zahlreiche weitere Darsteller (Verkäufer-Quartett!), Chor und Statisten bevölkern die Bühne – „Oliver!“ ist personenreich. Im Mittelpunkt steht freilich der neue, von Janelle Groos geleitete Kinderchor des Theaters, bezaubernd, diszipliniert und ausdrucksfreudig, hervorzuheben die Buben der Diebesschule. Der 12-jährige Konstantin Kogler erfüllte bei der Premiere die Titelfigur mit einer wunderbaren Bescheidenheit, Präsenz und Ernsthaftigkeit – eine tolle Leistung. Er alterniert als Oliver künftig mit Valentin Innerbichler und Andreas Schilcher.
Choreograph Markus Buehlmann hält die Chöre in Bewegung, Ralph Kopp leuchtet das alte London aus. Dirigent Hansjörg Sofka hat mit dem einmal mehr seine stilistische Vielseitigkeit beweisenden Tiroler Symphonieorchester Innsbruck das Tempo des Stückes in Händen, dessen musikalische Qualität sich freilich nur in ein paar Nummern beweist.