EU-Türkei-Deal - Freude und Kritik in der Türkei am Flüchtlingspakt

Istanbul (APA) - Mit Freude und Kritik haben die türkischen Medien auf den am Freitag vereinbarten Flüchtlingspakt zwischen der EU und Ankar...

Istanbul (APA) - Mit Freude und Kritik haben die türkischen Medien auf den am Freitag vereinbarten Flüchtlingspakt zwischen der EU und Ankara reagiert. „Die Todesroute wird geschlossen“, schreibt die regierungsnahe türkische Tageszeitung „Milliyet“ in ihrer Samstagsausgabe. Die regierungskritische Zeitung „Cumhuriyet“ kritisiert den Deal indes als „unmoralisch“ und „beschämend“.

„Wir werden diese Vereinbarung nicht verzeihen“, schreibt die „Cumhuriyet“ weiter und kritisiert: „Die Menschlichkeit hat verloren“. Die liberale Tageszeitung „Hürriyet“ hingegen freute sich: „Ein visafreies Europa ab Juni wurde akzeptiert.“

Auf dem EU-Gipfel am Freitag vereinbarten beide Seiten, alle ab Sonntag auf illegalen Wegen in Griechenland ankommenden Flüchtlinge - egal welcher Herkunft - in die Türkei zurückzuschicken. Die EU will im Gegenzug für jeden zurückgeschickten Syrer einen als Flüchtling anerkannten Schutzsuchenden aus Syrien direkt aus der Türkei via „Resettlement“ aufnehmen. Für Ankara bedeutet der umstrittene Deal eine leichte Entlastung bei den Flüchtlingszahlen, und bis zu sechs Milliarden Euro, um die Bedingungen für Flüchtlinge im Land zu verbessern.

Schon unmittelbar nach dem Deal berichteten türkische Medien über die Einigung: Der Sender Al Jazeera Türk zeigte am Freitagabend eine Umfrage unter syrischen Flüchtlingen, die in der Türkei leben. „Wir sind aus Syrien in die Türkei gekommen, und werden als nächstes nach Europa weiter“, sagt ein Syrer. Und weiter: „Wir wollen hier nicht bleiben. Dieses Land hat ja schon Schwierigkeiten, sich um seine eigenen Bürger zu kümmern. „Ich habe einen Schock bekommen“, sagt eine Syrerin sichtlich bestürzt. „Wir dachten, sie würden die Grenze öffnen. Ich habe Familie in Deutschland, mein Sohn ist in Venedig. Alles was ich will, ist zu ihnen zu gehen. Sie können sich um mich kümmern. Sie müssen nur die Grenze öffnen.“

Für islamisch-konservative AKP-Regierung ist die Vereinbarung ein großer politischer Erfolg. Denn die EU-Beitrittsverhandlungen sollen beschleunigt werden. Zudem wird den Türken in Aussicht gestellt, ab Ende Juni ohne Visum in den Schengen-Raum reisen zu dürfen. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu jubelte am Freitag in Brüssel: „Heute erkennen wir, dass die Türkei und die EU dasselbe Schicksal haben (...), dieselbe Zukunft.“

Die in Aussicht gestellte Visafreiheit hält der Journalist Metin Münir in einem Beitrag in der regierungskritischen Internetzeitung „T24“ für illusorisch. Zu groß sei der Widerstand einiger EU-Länder, wie etwa Frankreichs. „Warum sollte die EU, die drei Millionen syrische Flüchtlinge draußen halten will, 78 Millionen Türken die Tür öffnen?“, fragt er. Denn das Potenzial der vor Arbeitslosigkeit, Unterdrückung und der Angst vor der Zukunft Fliehenden sei zu groß in der Türkei.