Eva-Maria Brem: Vom Abstellgleis zurück auf die Siegerspur
Zwischen Karriereende und Siegfahrerin war es ein schmaler Grat für Eva-Maria Brem. Die Tirolerin kämpfte sich durch — und greift am Sonntag nach Kristall.
Aus St. Moritz: Roman Stelzl
St. Moritz –„Sonnencreme nicht vergessen!“, rief Eva-Maria Brem, hängte ein kurzes Lachen an und beendete damit das Gespräch am Freitag. Es war ein Weckruf, der in erster Linie daran erinnerte, dass in St. Moritz 322 Tage im Jahr die Sonne scheint und der Sonnenbrand immer noch das beliebteste Souvenir ist. Aber es war mehr als nur das. Es war ein Weckruf, der daran erinnerte, dass die Tiroler Skirennläuferin über die Jahre hinweg etwas gewonnen hat, was ihr lange abging: Lockerheit, Kaltschnäuzigkeit, Coolness.
Jetzt hat Brem das alles – und noch viel mehr: 18 Weltcup-Rennen in Folge stand die 27-jährige Münsterin im Riesentorlauf unter den besten zehn. Drei Bewerbe davon gewann sie, vor dem heutigen Finale (9.30/12 Uhr, live ORF eins) führt sie die Disziplinen-Wertung mit 52 Punkten vor der Deutschen Viktoria Rebensburg an.
Die Statistik spricht eine klare Sprache, heuer war alles aufgegangen. Die Saison war so, wie sie sich Brem immer gewünscht hatte – und nun muss sie scheinbar nur noch ein Schäufelchen drauflegen, um einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. „Ich habe gelernt, nur auf mich selbst zu hören“, gibt Brem als Erfolgsrezept aus. Und es klingt so einfach, so banal, so greifbar. Aber das ist es nicht.
Rückblick ins Jahr 2014. Es ist Jänner, die Olympischen Spiele im russischen Sotschi stehen vor der Türe. Österreichs Team bereitet sich gerade auf der Reiteralm für den Slalom in Flachau vor. Mit dabei: Eva-Maria Brem. Die 1,60 Meter große Athletin sitzt nach dem Training im Restaurant. Sie ist enttäuscht, frustriert. Zuerst die Nichtnominierung für die Heim-WM 2013 in Schladming. Und jetzt bleibt ihr auch ihr zweiter Olympia-Auftritt verwehrt. „Olympia war für mich das Größte. Aber so ist es sportlich wertlos“, sagt sie, ärgert sich über die Quotenregelung. Der Kopf, die Schultern hängen durch.
Es sind die Wochen der Enttäuschung, des nächtelangen Ausgehens, der Frustbewältigung, die jetzt folgen. Es ist die Zeit, in der Brem alles hinschmeißen will. Aber was keiner ahnt: Es ist zugleich die Zeit der Auferstehung. Im ersten Riesentorlauf nach den Olympischen Spielen rast die vierfache Junioren-WM-Medaillengewinnerin in Aare (SWE) auf Rang drei – die Premiere am Stockerl.
Es ist der Beginn einer Serie, die ihresgleichen sucht: Brem fährt über drei Jahre im Riesentorlauf immer in die Top Ten. Einzig das Aus bei der WM 2015 nach 20 Fahrsekunden legt sich als Schatten über die starke Bilanz. Die kleine Kristallkugel verpasst Brem im Weltcupjahr 2014/15 nur knapp. Doch die Niederlagen sind Lehrstunden.
Brem bleibt ihrer Linie treu, sie arbeitet und arbeitet. Und als Österreichs Ski-Star Anna Fenninger ihre Saison schon vor dem Start im Oktober 2015 beenden muss, heißt es allerorts nur noch: Eva-Maria Brem. Die Tirolerin bekommt den Rucksack mit den Erwartungen umgehängt. Und sie trägt ihn. Mit Erfolg. Bis heute, dem Tag, an dem die Frau mit der unwiderstehlichen Schwungtechnik als einzige Österreicherin heuer die Kugel holen soll.
Die Stimmen im Hintergrund sind dabei ausgeschaltet, auch das wollte gelernt sein. Ruhepol ist die Familie ebenso wie Freund Andreas Dudek, ehemals Schuh-Spezialist bei Marcel Hirscher, jetzt Material-Koordinator bei Atomic. Aus diesem Mikrokosmos heraus hat Brem eine Welt geformt, die sich um den Erfolg dreht. Und diese Welt soll heute zur Kugel werden. Einer aus Kristall.
Damen-Riesentorlauf in St. Moritz
Heute:
1. Durchgang 9.30/2. Durchgang 12 Uhr (ORF eins).
Weltcup-Stand: 1. Brem (AUT) 542 Punkte, 2. Rebensburg (GER) 490, 3. Gut (SUI) 412. Die
Riesentorlauf-Bilanz der Eva-Maria Brem:
Letzter Ausfall im Weltcup: 3. März 2012 in Ofterschwang (GER). Damit 33 Weltcup-Rennen in Folge im Ziel (einmal nicht für den 2. Lauf qualifiziert/26.1.13 in Maribor/SLO). Seit dem 28. Dezember 2013 (Lienz/AUT) und 18 Weltcup-Riesentorläufen immer unter den besten zehn.
Ergebnis-Parade: 3-4-2-3-1-3-4-10-3-2-8-2-2-1-4-4-4-1.
Szenarien für heute: Scheidet Brem aus oder punktet nicht (Top 15), muss Rebensburg Dritte werden. Gewinnt Rebensburg, muss Brem Vierte werden.