Wenn Staaten töten lassen: Zahl der Hinrichtungen explodiert

In Österreich ist die Todesstrafe seit Jahrzehnten Geschichte. Anderswo allerdings wurde vergangenes Jahr gehenkt wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Die meisten Hinrichtungen gehen auf das Konto von vier Staaten.

(Symbolfoto)
© Reuters

Das Leben von Aftab Bahadur ging an einem Mittwochmorgen im vergangenen Juni zuEnde. Um 04.30 Uhr, als gerade das Tageslicht angebrochen war, wurde er im Zentralgefängnis der pakistanischenMillionenstadt Lahore durch den Strick gehenkt. Wegen einer Tat, die er im September 1992 begangen haben soll, dem Mord an einer Frau und deren zwei Söhnen. Damals war er 15. Als er starb, war er 38. Bis zum Ende beteuerte Aftab Bahadur seine Unschuld.

Mehr als 1.600 Todesurteile vollstreckt

Der Pakistaner war nur einer von mehreren tausend Menschen, die im vergangenen Jahr irgendwo auf der Welt von Staats wegen getötet wurden. Amnesty International nennt im neuesten Jahresbericht zur Todesstrafe, der an diesem Mittwoch veröffentlicht wurde, eine Mindestzahl von 1.634 vollstreckten Todesurteilen – weit mehr als doppelt so viele wie noch 2014 (607) und so viele wie in keinem der vergangenen 25 Jahre. Nicht miteingerechnet ist allerdings die Volksrepublik China. Die tatsächliche Zahl an Hinrichtungen weltweit liegt vermutlich mehr als doppelt so hoch.

Für die internationalen Bemühungen um eine Abschaffung der Todesstrafe bedeutet dies einen schweren Rückschlag. Für ein paar Jahre gab es tatsächlich die Hoffnung, dass es mit dem grausamen Geschäft der Henker bald einmal vorbei sein könnte. Heute ist davon nicht mehr viel übrig.Das hat auch mit demErstarken des islamistischen Terrorismus zu tun, aber nicht nur.

Pakistan zum Beispiel beendete im Dezember 2014 ein sechsjähriges Moratorium für die Todesstrafe, nachdem Taliban-Milizen beim Angriff auf eine Schule 150 Menschen ermordet hatten. Zunächst wurden mutmaßliche Terroristen wieder gehenkt, dann auch andere Verurteilte – außer Bahadur im Lauf des Jahres noch 325 weitere Menschen. In der Henkerstaaten-Statistik 2015 liegt Pakistan damit auf Platz drei.

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China trauriger Spitzenreiter

Den Spitzenplatz als „Top-Henker der Welt“ (Amnesty) hält jedoch weiterhin China. Die genaue Zahl an Hinrichtungen wird von der Volksrepublik nach wie vor als Staatsgeheimnis behandelt, weshalb auch Amnesty seit ein paar Jahren keine Zahl nennt. Die Menschenrechtler schätzen aber, dass sie immer noch „in die Tausende“ geht. Amnesty-Experte Oliver Hendrich sagt: „Wir vermuten, dass China wieder mehr hinrichten ließ als der gesamte Rest der Welt zusammen.“

Wir vermuten, dass China wieder mehr hinrichten ließ als der gesamte Rest der Welt zusammen.“
Oliver Hendrich, Amnesty International

Andere Experten gehen für das vergangene Jahr von schätzungsweise 2.400 Exekutionen im Reich der Mitte aus. Die renommierte Duihua-Stiftung in denUSA vermutet, das sich die Zahl nach einem deutlichen Rückgang vor ein paar Jahren auf dieser Höhe stabilisiert hat. Der rückläufige Trend in einigen Bereichen sei seit 2014 durch eine verstärkte Anti-Terror-Kampagne aufgefangen worden.

Weltweit würde dies dann eine Mindestzahl von etwa 4.000 Hinrichtungen bedeuten. Das hält man auch bei Amnesty für realistisch. Nicht überall hat der Anstieg allerdings seinen Grund im Kampf gegen den Terrorismus. Die Todesstrafe wird in manchen Ländern neben Kapitalverbrechen wie Mord auch wegen Korruption (China),Ehebruchs (Malediven) oder Beleidigung des Propheten (Iran) verhängt.

Der Iran lag 2015 mit mindestens 977 Hinrichtungen – die meisten davon wegen Drogen-Delikten – auf Platz zwei.Saudi-Arabien ließ mindestens 158 Menschen exekutieren – so viele wie seit 1995 nicht mehr. Dort gibt es auch noch öffentliche Enthauptungen, und Leichen werden auch heute noch öffentlich ausgestellt.

Von den großen Industrienationen ließen die USA (28) und Japan (3) noch exekutieren. Zu den insgesamt 25 Staaten, die hinrichten ließen, gehörten zum Beispiel auch noch Indien, der Irak, Ägypten, Afghanistan und Nordkorea. Weltweit sitzen derzeit mehr als 20.000 Menschen in der Todeszelle.

Amnesty sieht Trend zur Abschaffung

Trotz allem gab es für die Gegner der Todesstrafe aber auch gute Nachrichten. Vier weitere Staaten schafften die Strafe endgültig ab: die Demokratische Republik Kongo, Madagaskar, Surinam und die Fidschi-Inseln. Von den 193 UN-Mitgliedern verzichten darauf nun 102 Staaten komplett – mehr als die Hälfte der Welt. 32 weitere in der Praxis, aber nicht im Gesetz. Sechs Staaten sehen sie nur noch für außergewöhnliche Straftaten wie etwa Kriegsverbrechen oder Vergehen nach Militärrecht vor. Obwohl noch 58 Staaten an der Todesstrafe festhalten, ist der Trend zu ihrer Abschaffung für Amnesty nicht mehr umzukehren.

In Österreich ist die Todesstrafe seit dem 7. Februar 1968 völlig abgeschafft, seit 1945 war dies bereits für ordentliche Strafverfahren der Fall. Das letzte Todesurteil wurde in Österreich am 24. März 1950 vollstreckt. (tt.com, dpa)


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