Schutzgelder von Lokalen in Wien erpresst - Acht Festnahmen

Wien/Hohenems (APA) - In Wien und Vorarlberg sind acht Verdächtige festgenommen worden, denen Schutzgelderpressungen im großen Stil vorgewor...

Wien/Hohenems (APA) - In Wien und Vorarlberg sind acht Verdächtige festgenommen worden, denen Schutzgelderpressungen im großen Stil vorgeworfen werden. Vor allem in den Wiener Bezirken Rudolfsheim-Fünfhaus und Ottakring sind Dutzende Lokalbesitzer geschädigt worden. Die Ermittler rechnen mit einem Schaden von 240.000 bis 500.000 Euro, teilte das Bundeskriminalamt (BK) am Donnerstag mit. Die Beschuldigten schweigen.

Die ersten Fälle gehen in das Jahr 2013 zurück, die Kriminalisten bekamen im Jahr darauf erste Hinweise auf Schutzgelderpressungen. Erst im Herbst 2015 taten sich mehrere eingeschüchterte Lokalbesitzer zusammen und erstatteten Anzeige, erläuterte Andreas Holzer, Leiter des Büros für Organisierte Kriminalität im BK. Nach monatelangen Ermittlungen einer Sonderkommission fanden am 22. März um 6.00 Uhr in Wien und Vorarlberg 13 Hausdurchsuchungen statt. Dabei wurden mit Unterstützung der dortigen Landeskriminalämter sowie von Cobra und Europol sieben Personen festgenommen, zwei davon in Hohenems. Bei einer der Razzien wurde ein Schreckschuss abgegeben. Die achte Festnahme hatte bereits zuvor stattgefunden.

Die sieben Männer und eine Frau im Alter von 23 bis 38 Jahren sitzen in der Justizanstalt Josefstadt in Wien in Untersuchungshaft. „Alle haben die Aussage verweigert“, sagte Holzer. Beim Kopf der „Struja“ (Strom/Stromschlag, Anm.), wie sich die Bande selbst nannte, soll es sich um einen in Bosnien geborenen Österreicher handeln. Unter dem 37-jährigen Edin D. - genannt „Edo“ - dürfte der 34-jährige Tschetschene Asludin H. ebenfalls die Gruppierung gelenkt haben. Bei den anderen Beschuldigten handelt es sich um zwei weitere Tschetschenen, zwei Kroaten und zwei serbische Staatsbürger, darunter die 28-jährige Frau.

Die Bande bedrohte vor allem Lokalbesitzer in der Ottakringer Straße oder der Märzstraße. Auch ein Handyshop in der Lugner City war das Ziel der Täter. Bei den betroffenen Clubs wurden zunächst die angestammten Türsteher von Männern mit Kampfsporterfahrung bedroht und den Betreibern dann gesagt: „Wenn du willst, dass das nicht mehr passiert, musst du unsere Türsteher nehmen“, erläuterte Holzers Stellvertreter Dieter Csefan. Den neuen „Securitys“ wurden dann mehrere hundert Euro Schutzgeld bezahlt. In einzelnen Fällen ging es um 10.000 bis 100.000 Euro, berichtete Holzer. Ein Erpressungsversuch mit einer Forderung nach 1,5 Millionen Euro wurde wieder zurückgezogen. Einige Opfer waren so sehr eingeschüchtert, dass sie ihre Lokale verkauften.

Den Forderungen wurde auch mit auch Gewalt Nachdruck verliehen. Csefan berichtete von Verletzungen wie Nasen- und Jochbeinbrüchen. Ein Mal wurde das Fahrzeug eines Opfers angezündet, mit dem Hinweis: „Das nächste Mal brennt dein Haus!“ Neben der Bildung einer kriminellen Organisation und Erpressung werden den Festgenommenen daher weitere Straftaten vorgeworfen. Auch Geldwäsche wurde angezeigt. Bei den Hausdurchsuchungen wurden Schusswaffen sowie Anabolika und geringe Mengen Marihuana sichergestellt. Mit dem erpressten Geld finanzierten sich die Mitglieder teure Autos, Luxusuhren und Markenkleidung.

Der als Haupttäter beschuldigte Edin D. hat laut Ermittlern auch beim sogenannten Cappuccino-Mord in Wien-Hernals im Mai 2006 eine Rolle gespielt. Im damaligen Cafe „Cappuccino“ in der Ottakringer Straße war ein 32-jähriger Lokalbesucher bei einer Schießerei ums Leben gekommen, ein weiterer Mann wurde schwer verletzt. Asludin H. erlitt außerdem im Dezember 2015 vor einem Lokal in Brigittenau einen Unterschenkeldurchschuss. Der Tschetschene kämpfte laut Csefan trotz der schweren Verletzung noch 15 Minuten weiter, bevor er sich in Sicherheit brachte. Als tatverdächtiger Schütze gilt ein Türsteher des Lokals.

Wegen des ebenfalls in Haft sitzenden Kroaten Marko Z. wurde der Verfassungsschutz eingeschaltet. Der 23-Jährige besaß Devotionalien mit IS-Bezug und hatte auf Facebook ebenfalls Postings in diese Richtung hinterlassen. Marko Z. hat außerdem seine Schwester als vermisst gemeldet, sie soll nach Syrien ausgereist sein. Personen, mit der die international vernetzte Bande Kontakt hatte, scheinen auf Fahndungslisten mit Terrorbezug auf. Konkrete Hinweise, dass die Mitglieder der „Struja“ selbst in terroristische Aktivitäten verwickelt waren, gibt es aber nicht.

Die Kriminalisten gehen von weiteren Opfern aus und veröffentlichten daher Fotos der Festgenommenen. Ob in Vorarlberg ebenfalls Schutzgelder erpresst wurden, war noch unklar. Geschädigte sollen sich beim Bundeskriminalamt unter der Telefonnummer 01/24836-985025 oder bei jeder Polizeidienststelle melden. Alle Informationen werden vertraulich behandelt. In dem Fall gibt es bereits ein Zeugenschutzprogramm.


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