Wenn den Träumen Räder wachsen

45 Jahre nach dem SE 220 Cabrio bringt Mercedes wieder ein Luxus-Cabrio und greift die bislang in diesem Segment konkurrenzlosen Edelbriten Rolls-Royce und Bentley an.

Für Mercedes ist 2016 ein Cabriolet-Jahr: Nach den überarbeiteten Roadstern SLC und SL stellen die Schwaben das noble S-Klasse Cabriolet in die Auslage, die offene C-Klasse folgt im Sommer.
© Hersteller

Von Walter Schrott

Nizza –Das letzte Mercedes-Cabrio im Luxussegment gab es 1971 mit dem SE 220 und das ist heute ein begehrter und kostspieliger Oldtimer. Jetzt bringen die Schwaben nach 45 Jahren als sechste Variante der aktuellen Modellfamilie wieder eine offene S-Klasse. Die steht für Luxus und Leidenschaft und erhebt den Anspruch, das komfortabelste Cabrio der Welt zu sein. Das Selbstbewusstsein seiner Schöpfer ist nachvollziehbar, denn in die „Fünf-Meter-Yacht“ sind Annehmlichkeiten aller Art verpackt. So debütiert die intelligente Klimasteuerung Thermotronic mit zwei Klimazonen, die vollautomatisch auf ein offenes oder geschlossenes Verdeck reagiert und optimales Klima schafft. Optional gibt es das Windschutzsystem Aircap, das per Knopfdruck ausgefahren werden kann und Turbulenzen verringert.

Der optische Auftritt macht klar: Hier sind den Träumen Räder gewachsen. Lang gestreckt und tief kauert der luxuriöse Viersitzer über dem Asphalt. Ob mit geschlossenem Verdeck oder oben ohne, der edle Sportler gerät mit seinen perfekten Proportionen und sinnlich-klaren Linien rundum zum absoluten Eyecatcher. Das dreilagige und hochwertige Verdeck faltet sich (bis Tempo 50 auch während der Fahrt) in den Kofferraum und gibt in 20 Sekunden den Himmel frei. Wer Eindruck schinden möchte, kann das per Fernbedienung von der Terrasse des Cafés aus tun. Gleichzeitig sorgt ein elektrisches Rollo für die Trennung zwischen Dach und Gepäck. Dass der sportliche Luxusliner im Innenraum alle Stückln spielt, durfte erwartet werden. Die exzellenten Sitze haben Wohnzimmer-Maß und sind in verschiedenen exquisiten Lederqualitäten zu haben. Das gesamte Cockpit fasziniert mit sportlich-luxuriöser Designsprache und wartet bis ins kleinste Detail mit erlesenen Materialien und Manufakturqualität auf.

In der Edelversion S 500 trägt das Cabrio seine Sportlichkeit dezent zur Schau und setzt den Fokus eher auf Eleganz. Hier werkt ein 4.6-Liter V8 Biturbo mit 455 PS, die Kraftübertragung besorgt eine 9-Gang-Automatik. Reicht locker für eine Beschleunigung von 4,6 Sekunden auf Tempo 100. In den beiden AMG-Modellen ist es aber mit der optischen Zurückhaltung vorbei. Die bullige Frontpartie mit drei prägnanten Lufteinlässen und die vier kantigen Endrohre samt Diffusor am Heck lassen erahnen, was unter der langen Motorhaube steckt. Ein 5.5-Liter V8-Biturbo mit 585 PS befeuert den S 63 AMG und katapultiert ihn via 7-Gang-Speedshift-Sportgetriebe und 4Matic Allradantrieb in 3,9 Sekunden an die 100er-Marke. Da ist beim forschen Tritt aufs Gaspedal ein intensiv-nachhaltiges Kribbeln im Bauch unvermeidbar. 630 PS leistet der 6.0-Liter-Biturbo mit 12 Häferln im S 65 AMG zwar, in der Beschleunigung genehmigt sich der mit der 7G-Tronic bestückte Hecktriebler aber um zwei Zehntel mehr.

Selbstverständlich sind im Cabrio alle aus der S-Klasse-Baureihe bekannten Sicherheits-, Assistenz- und Infotainment-Systeme – teils serienmäßig, teils optional – verfügbar. Aufgefallen sind uns auf den ersten Testkilometern der hervorragende Geräuschkomfort bei geschlossenem Verdeck, der wirksame Windschutz beim Openair-Fahrspaß und die Verwindungssteifigkeit des Chassis. Letztere ermöglicht in Kooperation mit dem Luftfeder-Fahrwerk samt automatischer Dämpferverstellung bei der fröhlichen Kurvenhatz eine atemberaubende Performance. Aber der Nobel-Sportler ist gemütlichem Cruisen auf der Landstraße ebenso zugetan wie dem Schaulauf auf der Flanierpromenade.

Das S-Klasse Cabrio steht ab sofort in den Schauräumen. Der Blick in die Gebührenordnung könnte freilich für Schluckauf sorgen. Ab 165.850 Euro gibt es den S 500, ab 238.390 Euro den S 63 AMG 4Matic. Und wer unbedingt zwölf Zylinder schnurren hören möchte, der muss für den S 65 AMG schon mindestens 326.990 Euro lockermachen. Sehr viel Holz, aber dafür gibt es auch echte Traumautos.


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