Ist die Angst vor Zika berechtigt?

Die WHO hat wegen des Zika-Virus den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Hysterie oder gerechtfertigte Sorge? Die Ärzte sind sich uneins, die Forscher noch nicht sicher.

© AHMAD YUSNI / AFP / picturedesk.

Von Gabriele Starck

Innsbruck — Fix ist nix, aber fast täglich auftauchende Meldungen über mögliche Folgeschäden einer Ansteckung mit dem Zika-Virus sind nicht beruhigend. So meinte die Vizedirektorin der US-Gesundheitsbehörde gestern bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus: „Alles, was wir uns zu diesem Virus anschauen, scheint etwas erschreckender zu sein, als wir ursprünglich dachten."

Was bislang feststeht, ist: Das von der Gelbfiebermücke übertragene Virus hat sich rasend schnell in Lateinamerika ausgebreitet und wurde bereits in mehr als 30 Staaten am Kontinent registriert. Manche Infizierten haben mit leichten Grippesymptomen zu kämpfen, die meisten jedoch bemerken die Ansteckung nicht einmal. Aber: Mit der Ausbreitung des Virus stieg die Zahl der Neugeborenen stark an, die mit der Schädelfehlbildung Mikrozephalie zur Welt kamen. Und das rief die Behörden auf den Plan.

Brasilien ließ das Militär zur Bekämpfung der Überträgermücke ausrücken und startete Aufklärungskampagnen. Die WHO versprach einen Aktionsplan, den es übrigens nach wie vor nicht gibt. Und weltweit begann man, den Erreger und mögliche Gegenstrategien zu erforschen. Dabei erhärtet sich immer mehr der Verdacht, dass Zika schwere neurologische Schäden verursachen kann. Nicht nur bei Ungeborenen die Mikrozephalie, sondern auch bei Erwachsenen: Gesichert dürfte inzwischen sein, dass nach einer Infektion das Guillain-Barré-Syndrom, das mit Lähmungen einhergeht, auftreten kann. Laut Spek­trum der Wissenschaft steht Zika inzwischen aber auch im Verdacht, eine Autoimmunerkrankung ähnlich der Multi­plen Sklerose — die „Akute disseminierte Enzephalomyelitis" — auszulösen. Gesicherte Aussagen werd­en allerdings erst in einige­n Monaten erwartet.

Nach wie vor nicht eindeutig gesagt werden könne auch, ob das Virus tatsächlich mit dem männlichen Samen übertragen wird, meint der oberste Infektiologe an der Innsbrucker Klinik, Univ.-Prof. Günter Weiss.

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Angesichts all dieser Ungewissheiten sprechen Tropenmediziner deshalb immer wieder von einer Zika-Hysterie. Hier werde aus einer Mücke ein Elefant gemacht, meinte etwa der Wiener Reisemediziner Herwig Kollaritsch unlängst. Das Risiko einer Missbildung durch Zika liege bei 18 Prozent, das nach einer Röteln-Infektion in der Frühschwangerschaft bei 70.

Andere Studien würden das Zika-Risiko sogar noch geringer als 18 Prozent einschätzen, meint Weiss, fügt aber sogleich hinzu: „Das ist immer noch extrem hoch." Für Schwangere sei das doch sehr besorgniserregend. Weiss würde für diesen Fall von einer Reise nach Lateinamerika Abstand nehmen bzw. verhüten, wenn man nicht schwanger ist. Denn so lange es noch keine Sicherheit gebe, sei es besser, vorsichtig zu sein.

Dennoch hält Weiss übertriebene Angst ebenso für falsch. Zwar werde die eine oder andere Zika-Infektion auch bei uns auftauchen, doch dann eher, weil ein in Lateinamerika infizierter Mensch hierzulande von einer Mücke gestochen wird, die damit zum Überträger des Virus wird. Von einer Epidemie gehen er und auch andere Experten in Europa aber nicht aus.

In Relation zu anderen Infektionskrankheiten ist die Aufregung um Zika daher auch etwas paradox. So kritisiert Weiss die nachlassende Impfmoral etwa bei Röteln oder aber den Masern: „In tropischen Regionen sterben an den Masern alljährlich immer noch 200.000 Kinder", warnt er Eltern vor einer epidemischen Wiederausbreitung in Europa.

Infektionen und ihre Todesopfer

  • Denguefieber. Es wird wie Zika von der Ägyptischen Tigermücke, der Aedes aegypti, übertragen. Die WHO schätzt, dass jährlich bis zu 100 Millionen Menschen am Denguefieber erkranken, 500.000 davon einen schweren Verlauf durchleiden und 22.000 Personen daran sterben; die meisten davon sind Kinder.
  • Ebola gehört zu den gefährlichsten Krankheitserregern. Zwischen 25 und 90 Prozent der Erkrankten sterben laut WHO. Bei der Epidemie 2015 in Sierra-Leone, Liberia und Guinea wurden 21.000 Fälle registriert. Etwa 8200 Menschen starben. Man musste die Epidemie mit den klassischen Anti-Seuchen-Maßnahmen — Auffinden von Erkrankungsfällen, Quarantänemaßnahmen und der Behandlung der Betroffenen — wieder zum Verschwinden bringen, was erst vor wenigen Monaten gelang. Mittlerweile wird intensiv an der Entwicklung einer Ebola-Impfung gearbeitet.
  • SARS. Ein Hotelgast aus einer südchinesischen Provinz wurde 2002 in Hongkong zum Superverbreiter einer weltumspannenden Epidemie. Er steckte Hotelgäste und dann Pfleger im Krankenhaus mit SARS, dem Schweren Akuten Atemnotsyndrom, an, das diese Menschen dann in die ganze Welt trugen. Die Hälfte der 8000 regis­trierten Fälle weltweit führt die WHO auf den Hotelgast zurück. Rund 800 Menschen starben an der Atemwegsseuche.
  • Vogelgrippe. Die Viruserkrankung kann von Vögeln auf den Menschen übertragen werden. Bislang geschah das nur bei Personen, die in direktem Kontakt mit Geflügel standen. Die Keulung aller Vögel, wenn irgendwo ein Vogelgrippe-Virus auftritt, hängt auch mit der Sorge zusammen, dass der Virus mutieren könnte und künftig auch von Mensch zu Mensch übertragbar wird. Fast die Hälfte der gesichert mit H5N1 infizierten Personen (844) starb.
  • Malaria. 438.000 Menschen, wird geschätzt, sind allein 2015 an Malaria gestorben. Das sind dank intensiver Bemühungen der internationalen Gesellschaft aber schon um 60 Prozent weniger als noch im Jahr 2000. Es wurden aber immer noch 262 Millionen Menschen infiziert.

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