„Nuit debout“ - Frankreichs Indignados

Paris/Wien (APA) - In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben bereits zum zehnten Mal in Folge mehrere hundert Menschen auf dem zentralen Pa...

Paris/Wien (APA) - In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben bereits zum zehnten Mal in Folge mehrere hundert Menschen auf dem zentralen Pariser Platz der Republik verbracht. Dort, wo sich nach den Terroranschlägen vom Jänner und November 2015 spontan Tausende versammelten, wird nun Nacht für Nacht eine soziale Utopie entworfen. Die Ziele der „nuit debout“-Bewegung sind unklar, ihre Zukunft auch.

Denn das, was am 31. März im Anschluss an die Demonstration Hunderttausender gegen die geplante Arbeitsrechtsreform in Paris begann, ist längst mehr als das. Und war es - ebenso wie die Proteste gegen die umstrittenen Maßnahmen der Regierung - wohl von Anfang an. Für viele ist die von der Regierung angestrebte Lockerung der 35-Stunden-Woche sowie des Kündigungsschutzes ein Kniefall der Sozialisten von Präsident Francois Hollande vor den Interessen französischer und internationaler Großunternehmen.

Wohl nicht zufällig wurde die erste „nuit debout“ (durchwachte Nacht) bereits am 23. Februar beschlossen. Und zwar von einer Gruppe rund um den Journalisten Francois Ruffin, dessen Dokumentation „Merci patron!“ (Danke Chef!) über die Abwanderung einer Fabrik des französischen Multimilliardärs Bernard Arnault von Nordfrankreich nach Polen gerade der Überraschungserfolg in französischen Kinos ist.

Und so ist es vor allem die Ablehnung der aktuellen Politik der Sozialisten, die die Teilnehmer der „nuit debout“ eint. „Die Sozialisten sind tot, wir werden sie bald zu Grabe tragen“, zitierte die Tageszeitung „Le Monde“ kürzlich eine Demonstrantin. „Hollande, (Premier Manuel) Valls, (Wirtschaftsminister Emmanuel) Macron wir verachten sie alle zutiefst.“

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Ansonsten scheint die Bewegung vorerst nichts anderes sein zu wollen, als ein Ort der freien Meinungsäußerung, wo jeder seine Ideen öffentlich präsentieren kann. „Jeder erobert sich das freie Wort und den öffentlichen Raum zurück“, heißt es auf der Webseite der „nuit debout“. „Von niemandem gehört, von niemandem repräsentiert, erobern Menschen unterschiedlicher Weltvorstellungen sich das Recht zurück, über die Zukunft unserer Welt nachzudenken.“

Die Idee einer horizontalen, führer- und sprecherlosen Bewegung, die mehrere gesellschaftliche Interessen zu einem gemeinsamen Kampf vereint, erinnert an die US-Protestbewegung „Occupy Wall Street“ oder die spanischen „Indignados“ (Empörte). Während erstere wieder in der Versenkung verschwand, entstand aus letzterer die Linkspartei „Podemos“, die bei den spanischen Parlamentswahlen im Dezember auf knapp 21 Prozent der Stimmen kam.

Und auch für die Teilnehmer der „nuit debout“, die in der Nacht auf Sonntag erstmals in 60 Städten Frankreich-weit stattfand und etwa in Bordeaux, Rennes, Nantes, Nizza und Lille jeweils mehrere Hunderte Demonstranten versammelte, stellt sich die Frage nach ihrer Zukunft zunehmend. Der Journalist Ruffin rief Samstagabend in Paris dazu auf, „den Platz (der Republik) zu verlassen“ und „die zweite Etappe“ in Angriff zu nehmen. Dazu müssten „Botschafter der nuit debout“ ausgeschickt werden, „um die Banlieues und die Provinz“ zu erobern. „Auch wenn alles mit den Plätzen anfängt, hört nichts dort auf“, fügte der linke Wirtschaftswissenschafter Frederic Lordon hinzu.

„Wir werden nicht nach Hause gehen“, hieß es am Sonntagnachmittag unterdessen weiterhin auf der Webseite der Bewegung. „Ein großer Frühling ist dabei sich zu erheben“ und weiter: „Sie können die Blumen umschneiden, aber sie können den Frühling nicht aufhalten.“


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