Brexit-Debatte wird hitziger - Boris Johnson verglich EU mit Hitler
London (APA/AFP/dpa) - Auf Stimmenfang vor dem Brexit-Referendum hat Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson die EU mit Hitler verglichen und...
London (APA/AFP/dpa) - Auf Stimmenfang vor dem Brexit-Referendum hat Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson die EU mit Hitler verglichen und damit scharfen Protest entfacht. Der Austrittsbefürworter Johnson sagte der Zeitung „Sunday Telegraph“, in Europa habe es immer wieder Versuche gegeben, den Kontinent nach Vorbild des Römischen Reiches unter einer Regierung zu einen.
„Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben das versucht, und es endete tragisch.“ Die EU sei der Versuch, „dies mit anderen Methoden zu erreichen“, fuhr der populäre Widersacher und Parteifreund von Premierminister David Cameron fort. Doch auch die EU habe das „ewige Problem“, dass es „keine stützende Loyalität für die Idee Europas gibt“. Es gebe niemanden, der „eine einzige Autorität achtet oder versteht. Das schafft diese massive demokratische Leerstelle.“
Auf Twitter wurde die Phrase „EU to Hitler“ zum Renner. Der außenpolitische Sprecher der oppositionellen Labour Party, Hilary Benn, kritisierte den Konservativen Johnson scharf: „Nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges half die EU, Jahrhunderte des Konfliktes in Europa zu beenden. Den (Hitler-) Vergleich anzustellen ist beleidigend und erbärmlich.“
Labour-Führungsfigur Yvette Cooper warf Johnson Zynismus und ein „fieses Spiel“ vor. Je mehr er mit solch „hysterischen Behauptungen“ um sich schlage, desto mehr offenbare er seinen Unverstand und wie hohl seine Argumente seien. Cooper und Benn kämpfen - wie Cameron - für den Verbleib Großbritanniens in der EU.
Auch über die Inseln hinaus sorgte Johnson für Kopfschütteln. „Was geht da vor in der Wiege des gesunden Menschenverstandes und der Zivilisation?“, schrieb Finnlands Finanzminister Alexander Stubb auf Twitter. Johnsons Hitler-Vergleich sei „skandalös“.
Johnson ist eine Symbolfigur der EU-Austrittsbefürworter. Ihm werden Ambitionen nachgesagt, Cameron als Chef der Konservativen und Premierminister zu beerben. Am 23. Juni entscheiden die Briten, ob sie in der EU bleiben oder austreten wollen - nach Umfragen ist der Ausgang offen.
Britische Gewerkschafter warnten unterdessen vor einem Verlust von bis zu vier Millionen Arbeitsplätzen, falls die Briten aus der EU ausscheiden. Gefährdet seien vor allem Stellen in der Exportwirtschaft, etwa in der Auto- und Chemiebranche, sagte Owen Tudor vom mächtigen Gewerkschaftsbund TUC der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
„Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Preise für britische Exportprodukte im Falle eines EU-Austritts steigen werden“, meinte er. Wie viele Arbeitsplätze genau verloren gingen, hänge davon ab, welche Handelsabkommen London dann mit den EU-Staaten aushandle.
Auch Cameron warnte vor den wirtschaftlichen Folgen eines Brexit. Großbritannien würde einen „unmittelbaren und nachhaltigen Rückschlag“ erleiden, sagte er bei einer Wahlkampfveranstaltung.
Die offizielle Wahlkommission kündigte eine riesige Informationskampagne an: 28 Millionen Haushalte sollen in den kommenden Wochen mit Broschüren und TV-Spots versorgt werden. „Dies ist ein historisches Ereignis, und wir wollen niemanden auslassen“, sagte Kommissionschef Alex Robertson.
Die EU-Spitzen wollen nach Informationen der Zeitung „Welt am Sonntag“ bis zur Volksabstimmung nicht mehr nach Großbritannien reisen. Demnach verzichten EU-Ratspräsident Donald Tusk, Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Parlamentspräsident Martin Schulz darauf, an Ort und Stelle die Pro-Europäer zu unterstützen, um keine Angriffsflächen für die britischen EU-Gegner zu bilden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf das Umfeld der Spitzenpolitiker.