Hommage

Gefangen auf der Insel der Lüste

Vimala Pons ist als Kellnerin in „Nur Fliegen ist schöner“ eine der Verführerinnen, die den Helden Michel an der Flucht hindern.
© Filmladen

Bruno Podalydès feiert mit „Nur Fliegen ist schöner“ die Klassiker der französischen Filmkomödie ohne deren Leichtigkeit.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Für einen Träumer ist die Ausgangslage ideal. Um sich von der Bildschirmarbeit als Grafikdesigner zu erholen, widmet Michel (Bruno Podalydès) jeden verfügbaren Platz in seiner Wohnung dem Thema Fliegen. Auf Regalen stehen neben den Büchern von Antoine de Saint-Exupéry Flugzeuge aus Blech wie auf einer Startbahn, an den Wänden hängen die Baupläne historischer Flugmodelle. Als ihn aber Kollegen und Freunde mit dem Gutschein für einen Rundflug überraschen, stechen sie mit einer Nadel in diese Traumblase. Als Ersatz entdeckt Michel im Internet eine Konstruktion, die ihn an den Rumpf eines Flugzeugs erinnert und sich scheinbar gefahrlos bewegen lässt. Nebenbei profitiert ein Kajak von der Schönheit des Palindroms, das auf elegante Weise auch die Verwirrung des Laien beschreibt, vorne und hinten zu unterscheiden. Nach ausgiebigen Trockenübungen ermuntert ihn seine Frau Rachelle (Sandrine Kiberlain), den Ernstfall zu wagen, das ehrgeizige Ziel ist das Meer, das sich über die Loire erreichen lässt. Während Michels Kajak-Tour könnte sich Rachelle auf einen Yoga-Kurs konzentrieren. Mit Eifer bohrt der Anfänger sein Paddel in das Wasser. Als die Kräfte schwinden, hat er sich kaum von der Stelle bewegt, kann sein Zelt aber im Garten des Gasthofs von Laetitia (Agnès Jaoui) aufschlagen. Von dort gibt es wie von Kirkes Insel kein Entkommen.

Diese Woche des Müßiggangs und der Lüste nutzt der Regisseur und Drehbuchautor Bruno Podalydès für Hommagen und leichtfüßige Wanderungen durch die französische Filmgeschichte der Dreißiger Jahre. 1931 kam René Clairs „Es lebe die Freiheit“ in die Kinos, 1936 drehte Jean Renoir nach einer Novelle von Guy de Maupassant „Eine Landpartie“ und 1939 „Die Spielregel“, eine Version von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“. Das Motto borgte sich Renoir vom Librettisten Beaumarchais: „Wenn die Liebe Flügel hat – Soll sie da nicht flattern, flattern, flattern?“ (4. Akt, 10. Szene). Auch der traurige Held in Renoirs „Die Spielregel“ war ein Pilot, der im geliehenen Mantel zum Opfer der Verwechslungskomödie wurde.

Nach dieser Versuchs- und Personalanordnung organisiert Podalydès die Ferien Michels. Den ersten Fluchtversuch vereitelt der gefährliche Absinth, den Christophe (Michel Vuillermoz) und Damian (Jean-Noël Broute) unaufhörlich über den originalen Absinthlöffel rinnen lassen, während sie Möbel und Gegenstände Yves Kleins blau lackieren. Der in einen Seefahrer verwandelte Flieger ist endlich in der besten aller Welten angekommen, in der auch der ängstliche Ehemann zum Libertin mutieren kann.

Mit dieser Metamorphose wechselt der Film von der Leichtigkeit seiner Vorbilder in die Infantilität. Agnès Jaoui muss sich als Wirtin und Witwe Brüste und Schamhaare mit Anweisungen (knabbern, streicheln) auf Post-it-Zetteln verkleben, um den Liebhaber auf die richtige Spur zu lenken und den aktuellen Anforderungen einer französischen Komödie zu entsprechen. Da hatte schon Beaumarchais elegantere Lösungen gefunden.