Visionen hinter dem Horizont
Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul ist einer der Erneuerer des Weltkinos.
Innsbruck –Der Weg über den roten Teppich zum Festivalkino von Cannes ist oft nicht mehr als ein Versprechen für den Weltruhm. Mit der Goldenen Palme werden dagegen Erwartungen verknüpft, die nur mit der ersten Mondlandung – „... ein großer Schritt für die Menschheit“ – vergleichbar sind. Der Sieger des Festivals soll als Visionär ein bisher unentdecktes Reich der Fantasie hinter dem Horizont erahnen lassen, soll uns ungeahnte Gefühle und Gedanken, im günstigsten Fall Halluzinationen bescheren – kurz das große Kinoglück.
So ein Preisträger war 2010 der Thailänder Apichatpong Weerasethakul mit seinem Film „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“. Seither stehen die internationalen Produzenten beim Regisseur und Installationskünstler Schlange.
In seinem 2015 in Cannes uraufgeführten Film „Cemetery of Splendour“ findet sich ein ironischer Kommentar zu Anteilnahme und Begehrlichkeit. In einem Militärlazarett liegen thailändische Soldaten im Wachkoma. Um den Angehörigen einen Kontakt zu den Schlafenden zu ermöglichen, wird eine berühmte Hellseherin und Gedankenleserin engagiert, doch Eltern und Geschwister sind nicht an Gedanken, nur an den kommenden Lottozahlen interessiert.
Das Krankenhaus war einmal eine Schule, die Jenjira (Jenjira Pongpas Widner) besucht hat. Als ehrenamtliche Pflegerin kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück. Früher war dieser Ort ein Friedhof für Könige. Die Schändung der Gräber könnte eine Ursache für die seltsame Schlafkrankheit der Soldaten sein. Vielleicht befindet sich das ganze Land in einem Schlafzustand. Vor dem Gebäude schieben Bagger das Erdreich zur Seite, auf dem nahen See schaufeln Wasserräder das Wasser um. Weerasethakuls Bilder lassen sich mal konkret, mal abstrakt lesen, wie das Huhn, das seine Küken durch die Küche führt. Ist es ein Huhn, das demnächst verzehrt werden wird oder ein Symbol für Dummheit? Hoffnung gibt es nur für den Soldaten Itt (Banlop Lomnoi), der von Jenjira mit besonderer Zuneigung betreut wird und für kurze Phasen in das Leben zurückkehren kann. Im Original heißt der Film „Rak ti Khon Kaen“ – Liebe in Khon Kaen, das ist Weerasethakuls Heimatstadt. (p. a.)