„Im Bouldern ist es fünf nach zwölf“
Zwei Jahre vor der Kletter-WM beherbergt Innsbruck am Freitag und Samstag den Boulder-Weltcup. Erstmals ist nicht der Marktplatz, sondern die Olympiaworld Schauplatz. Aufbruchstimmung herrscht so oder so.
Von Max Ischia
Innsbruck –Es gibt Momente, da machen selbst die weltbesten Kletterer Augen. Manchmal genügt dafür schon ein Blick auf ein paar – zweifelsohne imposante – Betonwände. Die wachsen dieser Tage auf dem WUB-Areal im Innsbrucker Stadtteil Saggen in die Höhe. Die TT bat Österreichs Paradekletterer Anna Stöhr, Katharina Saurwein, Jessica Pilz und Jakob Schubert zum Fotoshooting auf die Baustelle des neuen Kletterzentrums. Und der Fortschritt des zwölf Millionen schweren Projektes stieß unter den Athleten auf breiteste Begeisterung. „Einfach wow“, schwärmte Stöhr. „Hammer“, befand Saurwein und Schubert lugte mit einem „ist das geil“ durch seine Sonnenbrille. Euphorische Lippenbekenntnisse für eine Baustelle, auf der bis Frühjahr 2017 ein hochmodernes Kletterjuwel entsteht.
Die Gegenwart nimmt sich unmittelbar vor dem Boulder-Heimweltcup schon schaumgebremster aus. Was nichts mit dem Schauplatzwechsel (Olympiaworld statt Marktplatz) zu tun hat. Schon eher mit dem durchwachsenen Saisonauftakt und erst recht mit der nicht mehr zeitgemäßen Infrastruktur. Während andere Nationen gewaltig aufgerüstet haben, hinken die Trainingsmöglichkeiten insbesondere in Innsbruck, 2018 Schauplatz der Kletter-WM, dem internationalen Maßstab hinterher. Was das Bouldern (Klettern in Absprunghöhe, ohne Seil, Anm.) betrifft, sogar meilenweit. Michael Schöpf, Sportmanager des österreichischen Kletterverbandes, nimmt sich diesbezüglich kein Blatt vor den Mund: „Wir brauchen das neue Zentrum wie einen Bissen Brot. Diesbezüglich ist es nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf.“ Auch weil sich der Routenbau über die Jahre weiterentwickelt hätte. „Inzwischen“, hakt Jakob Schubert ein, „gibt es derart großflächige Griffe, die wir aufgrund unserer beschränkten Trainingsfläche gar nicht montieren können.“
Weil die Zeit diesbezüglich drängte, versuchte Schöpf sein Heil in der Improvisation und telefonierte im Herbst alle möglichen Immobilienbüros durch – auf der Suche nach einer leerstehenden Halle. Fündig wurde er nicht. Also fristete die Boulder-Wand, auf der am Freitag und Samstag um Weltcup-Punkte gerittert wird, un(ge)nütz(t) in einer Lagerhalle in Mieders. Ungeachtet dessen sind Österreichs Kletterstars heiß auf den Heim-Weltcup. Allen voran Anna Stöhr, die nach „meinem schlechtesten Saisonstart“ beweisen will, warum sie seit einem Jahrzehnt das Maß aller Boulderdinge ist.