Drama in Stall

Tierqual wegen Überforderung: Milde Geldstrafe für Außerferner

(Symbolfoto)
© TT/Thomas Böhm

Nicht Lust an Tierquälerei, sondern die Depressionen eines Jungbauern waren schuld an verendeten Kälbern in einem Außerferner Stall. Die Bestrafung fiel deshalb milde aus.

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Unsicher sah gestern am Landesgericht ein 23-jähriger Außerferner um sich. Auch die Fragen zu den Personalien beantwortete er so leise, dass Richterin Sandra Preßlaber bald bat, doch etwas lauter zu sprechen.

Laute Schreie der Tiere im Stall des Jungbauern alarmierten allerdings schon 2015 dessen Nachbarn, Spaziergänger und die Außerferner Behörden. Eine erste Tierschutzerhebung durch den Außerferner Amtstierarzt Johannes Fritz erfolgte deshalb letzten August. Darauf erging an den 23-Jährigen der Auftrag, Mängel im Stall zu beheben, eine Strafe wegen Tierquälerei folgte. Dann bis Dezember Besserung. Akzeptable Verhältnisse für die Behörde. Bis konkrete Anzeigen im Jänner bereits eine katastrophale Versorgungslage der Tiere befürchten ließen. Amtstierarzt Fritz berief darauf auf der BH Reutte umgehend eine Krisensitzung zum Lechtaler Hof ein. Ein Tierhalteverbot sollte ausgesprochen und die juristischen Verfahren dazu so schnell wie möglich abgewickelt werden.

Als Veterinär Fritz am 12. März jedoch im Beisein eines Zeugen den Stall des 23-Jährigen öffnete, war es schon zu spät. In einem Berg von Kuhmist waren drei Kälber verdurstet aufgefunden worden. Eines könnte eine Totgeburt gewesen sein – der Kadaver bereits von Füchsen angefallen. Für zwei Kühe ordnete Fritz Notschlachtung an, weil sie zu geschwächt waren, um noch aufzustehen. Laut Einsatzkräften vor Ort dürften die bis auf die Rippen abgemagerten Tiere Wochen nicht mehr versorgt worden sein. Rund 20 Tiere – und somit der gesamte Viehbestand – wurden sofort zu einem Viehhändler ins Zillertal verbracht und für verfallen erklärt. Heute soll nur noch eine einst trächtige Kuh am Leben sein.

Auf die Frage nach dem Warum konnte der Lechtaler gestern kaum Antwort geben. Schon als Kind sei er an der Seite des Großvaters am Hof gewesen und habe von diesem alles gelernt. Nach dessen Tod sei jedoch alles zu viel geworden. Bereits hoch verschuldet aufgrund des Stallumbaus, seien ihm nochmals Auflagen erteilt worden. Als die 20 Tiere im September dann wieder von der Alm kamen, sei es nicht mehr gegangen: „Mir ist es immer schlechter gegangen, ich hatte keine Antriebskraft mehr, beim Füttern musste ich mich hinsetzen.“ Dann kam die Wintersaison mit einem Zusatzjob in Vorarlberg: „Um fünf Uhr ging es los, als ich um fünf Uhr abends heimkam, wartete wieder der Stall. Ich habe das über acht Jahre mitgemacht. Irgendwann war Schluss, es ging nichts mehr. Ab März habe ich dann nicht einmal mehr gemolken. Ich bin doch ein Mensch und keine Maschine!“, lautete die Erklärung für das Tierdrama am Bauernhof.

Nachbarn oder Freunde wollte der 23-Jährige aber nicht um Hilfe bitten. „Irgendwann kam ich mit dem Ausmisten einfach nicht mehr nach. Aber andere zu fragen, des war mir bei uns einfach zu bled!“ Dazu passt, dass von Gemeindebürgern offenbar erst auch Anrainer angefeindet worden waren, die das Schreien der Kühe bei der Behörde angezeigt hatten.

Sofort nach Schließung des Hofs nahm der Jungbauer dafür psychiatrische Hilfe in Anspruch. Eindeutige Diagnose: Depressionen und Schlafstörungen.

Neben dem Geständnis und der bereits entschädigungslosen Abnahme der Herde der stärkste Milderungsgrund für Richterin Preßlaber. Bei einem Strafrahmen von bis zu zwei Jahren Haft ergingen deshalb relativ milde 1440 Euro Geldstrafe. Staatsanwalt Hermann Hofer gab dazu noch kein Erklären ab.

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