Schwarm, Staat und Engel - Wie sich Start-ups finanzieren
Wien (APA) - Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Start-up versucht, medial von sich reden zu machen. Viele von ihnen mit dem Ziel, ...
Wien (APA) - Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Start-up versucht, medial von sich reden zu machen. Viele von ihnen mit dem Ziel, sich möglichst viel Geld von Kleinstanlegern zu holen. Aber auch der Fußballclub Rapid, Hotels und diverse Erfinder von Hipster-Getränken nutzen Crowdfunding. Das ist aber nicht die einzige Finanzierungsquelle von jungen Unternehmen.
Per definitionem ist nicht jedes neue Unternehmen ein Start-up. Als solches braucht es schon eine besonders innovative Geschäftsidee und das Ziel, rasch zu wachsen - vielfach auf einem neuen Markt etwa im IT- oder Technologiebereich.
Eines der bekanntesten Start-ups in Österreich war die Lauf-App Runtastic, die 2015 für 220 Mio. Euro vom Sportartikelkonzern Adidas übernommen wurde. Runtastic liegt im globalen Ranking der Plattform startupranking.com, die die Präsenz von Start-ups im Internet und auf Social-Media-Seiten misst, auf Platz 96. Dahinter kommt auf Platz 128 Hitbox, ein Streaming-Dienst für Computerspieler.
Präsenz im Internet sagt aber noch nichts über die Größe eines Start-ups, schon gar nicht, ob es wirtschaftlich erfolgreich ist. Die Geldquellen, die junge Unternehmen anzapfen, sind unterschiedlich: Reiche, mitunter bekannte Unternehmer wie Hans Peter Haselsteiner oder Dietrich Mateschitz erweisen sich genauso als Financiers wie spezielle Business Angels, zum Beispiel Hansi Hansmann oder Bernhard Lehner. Dann gibt es noch den Fonds Speedinvest, der sich mit größeren Summen an Start-ups beteiligt und mittlerweile einige namhafte Manager und Konzerne an Bord hat.
Allerdings, beklagt die Start-up-Szene, machen die Reichen und traditionellen Wirtschaftstreibenden im Land vergleichsweise wenig Geld für vielversprechende Geschäftsideen locker. Vor allem an Wachstumsfinanzierung - da sind bald einmal 1 bis 3 Mio. Euro vonnöten - fehle es, sagt Bernhard Lehner, Co-Gründer des Business-Angels-Netzwerks startup300. Das „alte Geld“ stecke in Stiftungen und Immobilien.
Crowdfunding, die Finanzierung über viele Kleinstanleger ist in Österreich seit Inkrafttreten des Alternativfinanzierungsgesetzes im September 2015 in aller Munde. Dabei gibt es unterschiedliche Modelle. Oftmals geben Private Geld für ein Produkt, das es noch nicht gibt. Erst ab einer bestimmten Summe wird es tatsächlich hergestellt und die Financiers bekommen es billiger oder als erste.
Crowdinvesting ist für die Anleger meist mit einem Totalverlustrisiko verbunden. Typischerweise gewähren die Kleinanleger ihrem Start-up ein Nachrangdarlehen. Ihnen winken zwar, wenn die Geschäftsidee aufgeht, hohe Ausschüttungen, im Pleitefall werden sie aber nach den üblichen Gläubigern wie Banken befriedet, schauen also womöglich ganz durch die Finger. Eine andere Möglichkeit, die zum Beispiel die Crowdfunding-Plattform Conda anbietet, ist der Erwerb von Substanzgenussrechten. Hier bekommen die Anleger Ausschüttungen, wenn das Unternehmen Gewinne schreibt - das kann mitunter Jahre dauern, sind doch Start-ups auf schnelles Wachstum aus und machen daher anfangs meist Verluste.
Conda ist eine von sechs Crowdinvesting-Plattformen in Österreich, die anderen heißen Green Rocket, Home Rocket, Regional Funding, 1000x1000 und dasErtragReich. In den ersten sechs Monaten seit Inkrafttreten des Crowdfunding-Gesetzes, laut dem kleinere Finanzierungen ohne aufwendigen Kapitalmarktprospekt möglich sind, wurden mehr als 10 Mio. Euro für 44 Projekte über diese Plattformen eingesammelt. Im gesamten Vorjahr 2015 waren es 8,2 Mio. Euro. Das war zwar viermal so viel wie im Jahr davor, ist im internationalen Vergleich und auch im Vergleich zur Summe, die im Jahr in Österreich investiert wird - 75.000 Mio. Euro - wenig. Der Trend geht aber nach oben: Allein in den ersten zwei Monaten 2016 wurde fast doppelt so viel Geld eingesammelt wie in den Jahren 2013 und 2014 zusammen, heißt es aus dem für Start-ups zuständigen Wirtschaftssekretariat von Harald Mahrer (ÖVP).
Über direkte Schwarmfinanzierung außerhalb von Plattformen gibt es keine Zahlen. Branchenvertreter gehen davon aus, dass mindestens die gleiche Summe direkt bei der Crowd geholt wurde. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sind die Österreicher nicht sehr risikoaffin. 2014, also noch vor dem neuen Gesetz, betrug das Crowdfunding-Volumen laut einer Studie von EY und der Cambridge-Universität 40 Cent pro Einwohner, in Großbritannien waren es 36 Euro, in Estland 16,7 Euro und 10,9 Euro in Schweden.
Neben der Crowd gibt es noch den Staat, der vielversprechenden Unternehmen, wenn auch nicht notwendigerweise Start-ups, unterstützt, etwa die Fonds des Austria Wirtschaftsservice. Mit einer aws-Finanzierung bestehen nach fünf Jahren noch 80 Prozent der Unternehmen. Bei „gewöhnlichen“ Neugründungen beträgt die Überlebensrate nach fünf Jahren laut Wirtschaftskammer (WKÖ) nur 68 Prozent.
Unternehmen mit hohem Innovations- und Technologiepotenzial können auch Geld von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) bekommen. Von 2009 bis 2015 wurden im Schnitt 100 Start-ups mit in Summe 70 Mio. Euro im Jahr unterstützt.
Innovative Start-ups sind im Vergleich selten. Die meisten Firmengründungen gab es im Vorjahr im Gewerbe und Handwerk (42 Prozent), gefolgt vom Handel (27 Prozent) und dem Bereich Information und Consulting (18 Prozent). Laut WKÖ-Statistik haben sich voriges Jahr 29.561 Personen selbstständig gemacht, ein Plus von 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr; Pflegerinnen sind hier nicht eingerechnet.