Theater im Bahnhof beschert Vielseitig-Einfühlsames zum Thema Pflege

Graz (APA) - Ein Belehrstück zu einem komplexen Tabuthema unserer Gesellschaft ist sie nicht, die aktuelle Produktion des Grazer Theaters im...

Graz (APA) - Ein Belehrstück zu einem komplexen Tabuthema unserer Gesellschaft ist sie nicht, die aktuelle Produktion des Grazer Theaters im Bahnhof (TiB). Ein Lehrstück in puncto feinsinniges Bühnenhandwerk hingegen schon. Regisseur Helmut Köpping und sein Team zauberten am Dienstag mit „Warum ich meine demente Mutter belüge“ einen ebenso berührenden wie unterhaltsamen Premierenabend ins Grazer Literaturhaus.

In dem auf einer Buchvorlage des niederländischen Essayisten Cyrille Offermans und umfassenden Eigenrecherchen aufbauenden Stück liefert das TiB seinem Publikum ein zwischen surrealer Groteske, Sozial- und Medienkritik, Tabubruch, Psychologie, Beziehungsdynamik, Humor und Ernst oszillierendes Impro-Meisterstück ab. Dabei gelingt es dem Produktionsteam scheinbar mühelos, sich einem angesichts der zunehmenden Überalterung der europäischen Bevölkerung immer dringlicher werdenden Gesellschaftsproblems zu widmen.

Die Story, in der all das genannte Platz hat, sieht im wesentlichen so aus: TV-Moderatorin Gudrun (Eva Hofer) beschließt, eine Filmdoku über die demente und pflegebedürftige Mutter (herausragend in puncto schauspielerischer Leistung: Beatrix Brunschko) ihrer besten Jugendfreundin Katharina (Gabriela Hiti) zu drehen. Dabei gerät sie selbst in die Geschichte hinein. Zur Pflegefamilie gehören Katharinas amerikanischer Ehemann Oliver (Jacob Banigan) und die slowakische Pflegerin Simona (Elisabeth Holzmeister).

Die Bühne ist in bewährter Impro-Theater-Weise eine spartanisch, aber effektiv präparierte Spielwiese vor dem vom Publikum quadrierten Parkett des Literaturhauses. In gut eineinhalb Stunden schicken die fünf Darsteller ihre Zuschauer in ein gut temperiertes und fein ausgearbeitetes Wechselbad der Gefühle und fordern sie mehr oder weniger zum Kurzweil erzeugenden Mitdenken, -lachen, und angemessenen Betroffensein heraus.

Die akribische Recherchearbeit ist dem Stück unter anderem an den ganz offensichtlich direkt aus dem Leben gegriffenen Dialogen anzumerken. TiB-typisch finden sich darunter auch regional und lokaltypische Zitate. So zum Beispiel, wenn die beiden Jugendfreundinnen ihre gemeinsamen Teenie-Erlebnisse inklusive erstem Rausch in der vor einem Jahr geschlossenen, in Graz Kultstatus genießenden Traminer Weinstube heraufbeschwören.

Es seien hier keine weiteren der vielen spannenden Kniffe und Details des Abends verraten. Es wäre schade um die vielen liebevollen Details, die Köpping und seine Leute aus ihrer in jahrzehntelanger gemeinsamer Theaterarbeit in ihrer reichhaltigen Schatzkiste angesammelt haben. Zu den liebevollen und doch so einfachen Details zählt das Abendprogramm, das in Form eines auf einem gefalteten A4-ausgedruckten Kreuzworträtsels daherkommt.

(S E R V I C E - Regie: Helmut Köpping. Ausstattung: Heike Barnard, Johanna Hierzegger. Technik und Sound: Moke Klengel. Text: Helmut Köpping nach Motiven von Cyrille Offermans. Mit: Jacob Banigan, Beatrix Brunschko, Gabriela Hiti, Eva Hofer, Elisabeth Holzmeister. Weitere Termine: 20./21./22 und 31. Mai, sowie 3./4./5. und 9. Juni 2016 - jeweils 20:00 Uhr im Literaturhaus Graz, Elisabethstraße 30, 8010 Graz. Karten: T: 0316/763620, E: ticket@theater-im-bahnhof.com, www.theater-im-bahnhof.com)