Gesundheit

Forscher nehmen dem Krebs die Luft

3D-Bild von Krebszellen. (Symbolfoto)
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Lungenkrebs tritt häufiger auf – vor allem bei den Frauen. Gleichzeitig macht die medizinische Forschung Fortschritte. Neue Therapien verbessern die Lebensqualität und verlängern das Überleben.

Von Theresa Mair

Innsbruck –Es ist fünf vor zwölf. Wenn eine Lungenentzündung einfach nicht abheilt oder wenn man Blut spuckt, dann ist es höchste Zeit, zum Arzt zu gehen. „Lungenkrebs tut im Frühstadium meist nicht weh. Früherkennung gibt es keine“, sagt Günther Gastl, der Direktor der Uni-Klinik für Hämatologie und Onkologie in Innsbruck.

„Zwei Drittel der Patienten kommen zu uns, wenn sie bereits Metastasen haben“, sagt Gastl. Oftmals bleibt dann noch weniger als ein Jahr zu leben. „Lungenkrebs macht uns Sorgen, weil er das häufigste Karzinom bei Männern ist. Bei Frauen nimmt es stark zu. Der Grund ist das Rauchen.“ 80 Prozent der Betroffenen sind Raucher.

Andererseits mache Lungenkrebs derzeit aber auch so viel Wind, weil es neue Therapien gibt. „Vor allem beim nicht-kleinzelligen Karzinom gibt es große Fortschritte.“ Im April wurde ein Medikament mit dem sperrigen Namen Osimertinib zugelassen. Im Herbst 2015 kam mit Nivolumab die erste Immuntherapie für Lungenkrebs-Patienten auf den Markt. Die Forschung macht Hoffnung.

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„Die Behandlung ist vom Stadium abhängig.“ Wenn jemand das Glück hat, dass der Krebs gleich im Frühstadium erkannt wird, kann der Tumor noch herausoperiert werden, eine Heilung ist möglich. Wenn der Krebs schon größer war, wird zusätzlich oft noch eine Chemo- oder Strahlentherapie angeordnet. „Patienten, die man z. B. aufgrund des Alters nicht operieren kann, werden oft bestrahlt. In den vergangenen Jahren wurden neue Chemotherapeutika gegen Lungenkrebs entwickelt, die ein etwas längeres Überleben ermöglichen.“

Neueren Datums ist die zielorientierte Therapie bei fortgeschrittenem Lungenkarzinom. Sie kommt bei 15 bis 20 Prozent aller Patienten in Frage. „Ihr Angriffspunkt liegt genau dort, wo eine bestimmte genetische Störung liegt.“ Eine solche ist laut Gastl z. B. ein Wachstumsfaktor-Rezeptor, welcher der Krebszelle wie eine Antenne dauernd das Signal zur Teilung gibt. „Mit einer Tablette kann man dieses Signal abstellen.“ Der Tumor wächst nicht weiter.

Doch auf Dauer wird der Tumor gegenüber diesen Medikamenten resistent, eine zusätzliche genetische Veränderung (Mutation) tritt auf. Hier kommt Osimertinib ins Spiel. Es ist eines jener Folgemedikamente, mit denen der Tumor trotz Resistenz behandelt werden kann.

Ziel werde es auch sein, zu den sechs bekannten genetischen Angriffspunkten noch weitere zu finden und so die zielorientierte Therapie für mehr Patienten zugänglich zu machen. Denn dadurch habe sich die Lebenserwartung und -qualität der Erkrankten erheblich verbessert.

Führen Strahlen- oder Chemotherapie nicht zum Erfolg, steht jetzt auch die erste Immuntherapie zur Verfügung. „Sie kann altersunabhängig und bei vielen Subtypen eingesetzt werden, bisher aber noch nicht bei kleinzelligem Lungenkrebs“, sagt Gastl. Ein Tumor bremst die Immunabwehrreaktion des Körpers. So kann er wachsen und sich ausbreiten.

Mit Immun-Checkpoint-Antikörpern „wird die Bremse gelöst“, das Immunsystem stimuliert, das den Krebs angreift. Die von der Chemo bekannten Nebenwirkungen – Haarausfall, Übelkeit, Blutbildungsstörungen – fallen weg. Doch müsse man aufpassen, dass es zu keiner Immun-Überreaktion mit Entzündungen komme. Ein Manko habe die Immuntherapie aber: „Nur 15 bis 20 Prozent sprechen darauf an, diese dafür aber langzeitig, bis zu mehreren Jahren. Manchmal kommt es zu einer völligen Rückbildung der Metastasen.“

Zukunftsziel werde sein, die verschiedenen Therapien miteinander zu kombinieren und sie verträglicher zu machen. Auch an den Diagnoseverfahren werde gearbeitet.

„Für eine maßgeschneiderte Therapie muss man den Tumor bis hin zu seiner genetischen Struktur charakterisieren.“ Dabei werde zur Entwicklung von Biomarkern auch die flüssige Biopsie („Liquid Biopsy“) – die Bestimmung der Erbsubstanz des Tumors aus der Blutprobe – eine große Rolle spielen. „Vielleicht ist das auch ein erfolgreicher Weg für die Früherkennung. Das ist aber Zukunftsmusik.“

Die Bemühungen tragen schon jetzt Früchte. „Die Lebenserwartung bei metastasiertem Lungenkrebs, der zielorientiert oder mit Immuntherapie behandelt wird, bewegt sich jetzt schon auf über zwei Jahre hin. Bis zu 15 Prozent dieser Patienten überleben mehr als fünf Jahre.“