Complexity Science Hub: Österreichs Wirtschaft als Modelleisenbahn 1
Wien (APA) - Am Montag (23.5.) wird in Wien der „Complexity Science Hub Vienna“ (CSH) eröffnet, wo sich Komplexitätsforscher „Big Data“ vorn...
Wien (APA) - Am Montag (23.5.) wird in Wien der „Complexity Science Hub Vienna“ (CSH) eröffnet, wo sich Komplexitätsforscher „Big Data“ vornehmen wollen, um daraus sinnvolles Wissen zu generieren. Die APA sprach mit CSH-Präsident Stefan Thurner über die Vorhaben und Ziele des neuen Forschungszentrums.
APA: Der „Complexity Science Hub Vienna“ hat seine Bleibe im Palais Strozzi in Wien-Josefstadt angesiedelt. Was sagen sie der Hofrats-Witwe, der Sie beim Hinausgehen auf der Josefstädter Straße begegnen, was Sie hier machen?
Thurner: Ich würde sie zunächst einmal fragen, ob sie weiß, was Big Data heißt ...
APA: Das weiß sie nicht.
Thurner: Weil es eine moderne Hofrats-Witwe ist, würde ich sie dann fragen, was sie glaubt, dass ihr Smartphone alles über sie weiß. Und dann wird sie furchtbar erschrecken, wenn ich ihr sage, dass es alle ihre Freundinnen kennt, es weiß, wo sie täglich mit ihrem Hund äußerln geht, wann sie ihre Pension bekommt, weil sie ja schon Onlinebanking übers Smartphone macht, usw..
APA: Ist das ein Problem für die Dame?
Thurner: Nein, sie bekommt davon nichts mit. Aber es weiß ja nicht nur ihr Telefon, was sie tut, sondern auch ihre Telefongesellschaft, ihre Bank, usw.. Die Daten sind überall vorhanden, und zwar nicht nur jene der Hofrats-Witwe, sondern von acht Millionen Österreichern. Und damit kann furchtbar viel Böses gemacht werden, wie in den USA, wo Tausende Kreditkartendaten gestohlen wurden, oder ähnliches. Aber diese Daten haben auch das Potenzial sehr positiv zu sein.
APA: In welcher Hinsicht?
Thurner: Vielleicht interessiert die Hofrats-Witwe beispielsweise das Gesundheitssystem. Ihre Krankenversicherung weiß, welche Leiden sie hat, weil sie zahlt die Ärzte und Apotheken dafür. Wenn man solche Daten der verschiedenen heimischen Versicherungen richtig zusammenbringen würde, weiß man die gesundheitlichen Probleme und Problemchen aller Österreicher. Das ist ein gigantisches Wissen, aus dem kann man Sachen herausfiltern, die wiederum für den einzelnen sinnvoll sind.
APA: Was zum Beispiel?
Thurner: Aus dem Wissen über die Gesundheitsverläufe von allen Österreichern kann man herausfiltern, welche Krankheiten ich zu erwarten habe, wenn ich derzeit dieses oder jenes Leiden habe. Man kann also Vorhersagen über den Gesundheitszustand einer Person aufgrund von ein paar einfachen Daten, etwa dem Alter, dem Geschlecht und den derzeitigen Krankheiten machen. Solche Informationen sind für den Gesundheitsplaner sehr relevant, der etwa in Euro umrechnen kann, was eine Präventionsmaßnahme kostet und bringt. Das ist natürlich nicht nur ein trivialer wirtschaftlicher Aspekt, sondern letztlich auch für die Gesundheit der Hofrats-Witwe wichtig.
APA: Sie sprechen davon im Indikativ, kann man das tatsächlich schon alles - und ist es das, was sie am CSH machen werden?
Thurner: Man kann das noch nicht, weil die Daten nicht so vorliegen, wie man sie benötigen würde. In der idealen Welt liegen die Daten alle auf, sie sind anonymisiert und ich darf sie, wo notwendig unter Kontrolle der öffentlichen Hand, zusammenführen - dann kann man phantastische Dinge damit tun. Denn wenn man diese Daten zusammenbringt, werden sie immer höherdimensionaler, das heißt, man weiß immer mehr Aspekte über ein und dasselbe Objekt, also etwa das Gesundheits-, Finanz- oder Wirtschaftssystem oder Produktionsprozesse. So kann man eine Beschleunigung in der Wissensvermehrung erreichen. Das ist ein großes Ziel vom „Complexity Science Hub Vienna“.