Complexity Science Hub 2 - Mit Gastwissenschaftern Boston simulieren
Wien (APA) - APA: Versteht man damit automatisch, wie solche komplexen Systeme funktionieren?...
Wien (APA) - APA: Versteht man damit automatisch, wie solche komplexen Systeme funktionieren?
Stefan Thurner: Nein, auch mit Big Data verstehen wir nach wie vor nicht, wie lebendige Systeme funktionieren, wie stabil das Finanzsystem ist, etc., obwohl die Information vermutlich schon da ist. Das ist die Riesenfrage, der Flaschenhals des ganzen: Wie bekomme ich sinnvolles Wissen aus Big Data? Um zu sinnvollen Aussagen zu kommen, brauchen wir neuartige mathematische Methoden. Und das ist eines der Herzstücke des Hubs: Leute zu haben, die diese Methoden beherrschen und neue erfinden. Es braucht neuartige Statistik, neuartiges Wissen über Netzwerke, wie Netzwerke von Netzwerken ausschauen, wie Netzwerke sich gegenseitig beeinflussen, usw..
APA: Das wird Aufgabe der Wissenschafter am CSH sein?
Thurner: Gemeinsam mit internationalen Gastwissenschaftern, unser Visitor-Programm ist ein zentrales Element des Hub. Das brauchen wir, weil Wien nicht Boston ist. Wenn ich am MIT (Massachusetts Institute of Technology, Anm.) arbeite und nicht weiterkomme, rufe ich jemanden in Harvard an und gehe mit dem Mittagessen. Wir wollen das künstlich schaffen.
APA: Wie kommen Sie eigentlich zu den Daten, mit denen Sie arbeiten wollen?
Thurner: Institutionen suchen Leute, die ihnen helfen Sinn aus ihren Daten zu machen. Also die Daten kommen oft von alleine. Wir werden aber auch versuchen, Organisationen zu überzeugen, uns ihre Daten zu geben, um sie sicher und legal aufzubereiten und nutzbar zu machen, weil sie dadurch wertvoller für sie werden.
APA: Gibt es schon erste Projektideen für den CSH?
Thurner: Ein Projekt, das wir unbedingt machen wollen, ist die Eins-zu-Eins-Nachbildung des österreichischen Wirtschaftssystems. So wie Leute im Keller eine Modelleisenbahnlandschaft bauen, die so realistisch ist, dass sogar der Hut vom Bahnhofswärter richtig angemalt ist, wollen wir Österreichs Wirtschaft abbilden, mit jeder Firma, jeder Bank, letztlich vielleicht einmal mit jeder Person. Das wollen wir als Beispiel verwenden, wie man öffentlich zugängliche Daten durch Zusammenführung in etwas sehr Praktisches verwandeln kann. Mit so einem Modell kann man dann sehr viele Sachen machen, man kann demographische Entwicklungen simulieren und dann die Auswirkungen gesundheitspolitisch, wirtschaftspolitisch, regionalpolitisch, steuertechnisch ansehen. Man kann sich Österreich so vollkommen neuartig visualisieren und ein Bild machen, das daten- und faktengetrieben ist. Das kann eine emotionslose Grundlage für öffentliche Debatten sein.
APA: Wie lange dauert es, ein solches Modell aufzubauen?
Thurner: Mit der Modelleisenbahn kann man auch schon relativ rasch mit einer Pressspanplatte und ein paar Schienen beginnen und sich am Schluss Details wie der Farbe der Bahnhofswärtermütze widmen. So funktioniert das auch mit einem solchen Modell, starten kann man damit bald.