Fußball ist Herzensanliegen von Ungarns Premier
Budapest (APA) - Bereits sein erster Medienauftritt fand auf dem Fußballplatz statt: Ungarns Premier Viktor Orban stellte 1983 als junger St...
Budapest (APA) - Bereits sein erster Medienauftritt fand auf dem Fußballplatz statt: Ungarns Premier Viktor Orban stellte 1983 als junger Student in einem Märchenfilm einen fußballspielenden Räuber dar. Doch das „beautiful game“ war für Orban immer schon mehr als ein Hobby.
Nachdem seine Partei Fidesz 2010 mit Zwei-Drittel-Mehrheit zum zweiten Mal an die Macht gekommen war, schickte er sich an, Ungarn erneut zu einer großen Fußballnation zu machen. Denn nach der Zeit der „goldenen Elf“ in den 1950er-Jahren war es mit Ungarns Fußballherrlichkeit immer steiler bergab gegangen. Seit der WM 1986, wo man von der Sowjetunion ein traumatisches 0:6 kassiert hatte, konnte man sich nicht mehr für ein internationales Fußballturnier qualifizieren. Die EM 2016 bietet nach dieser langen Durststrecke nun wieder eine Chance für die ungarische Elf - mittlerweile sind die Mannen des deutschen Trainers Bernd Storck immerhin an die 18. Stelle der FIFA-Weltrangliste aufgestiegen -, um sich der internationalen Öffentlichkeit zu präsentieren.
Orban versucht seinerseits seit Jahren, dem Elend des ungarischen Fußballs massiv entgegen zu wirken, vor allem mit finanziellen Mitteln. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Nachwuchsförderung in Form von Fußballakademien sowie auf dem Stadionbau. All dies kostet freilich viel Geld und wird auch in den Medien immer wieder mal kritisiert, mal belächelt.
Der schon baufällige nationale Fußballtempel Puskas Ferenc Stadion (auch bekannt unter seinem früheren Namen „Nepstadion“) in Budapest wird derzeit abgerissen und soll bis 2019 einem modernen Neubau Platz machen. Außerdem wurden allein im Jahr 2014 für drei Clubs der Ersten Liga (NB I.) neue Fußballstadien eröffnet, darunter die Groupama Arena mit über 22.000 Sitzen für den derzeitigen Tabellenführer Ferencvaros Budapest. Bis 2017 sollen fünf weitere Stadien für NB-I.-Klubs folgen: Damit erhalten innerhalb kürzester Zeit acht der zwölf NB-I.-Mannschaften nagelneue Spielorte, zum Teil mit einer Sitzanzahl über 10.000. Angesichts der durchschnittlichen NB-I.-Besucherzahl von derzeit 2.300 scheint das doch etwas optimistisch zu sein, wie Kritiker bemängeln.
Symbol der Orban‘schen Fußballpolitik ist sein Heimatort Felcsut geworden, ein 1.800-Seelen-Dorf 40 Kilometer westlich von Budapest. Hier gründete der Regierungschef persönlich 2007 die Ferenc-Puskas-Fußballakademie - benannt nach dem Fußballidol der 50er und 60er Jahre -, deren Erstmannschaft 2013 prompt den Einzug in den NB I. schaffte. Die Akademie verfügt nicht nur über üppig ausgestattete Gebäude, sondern hat seit 2014 auch ein großzügiges eigenes Stadion mit dem Namen Pancho Arena (nach dem spanischen Kosenamen des ehemaligen Real-Madrid-Spielers Puskas). Die Spielstätte bietet 3.500 Sitzplätze - „zwei Plätze auf einen Bewohner“, wie Medien lästerten.
Die Errichtung und großzügige Förderung von Fußballakademien überall im Land ist überhaupt die Strategie der Wahl, wenn es um das Heranziehen von qualitativ gutem Sportlernachwuchs geht. Die Akademien funktionieren durchwegs in Form von Knabeninternaten, was zum Teil auch auf Kritik stößt: Die Kinder würden so vom Leben der Gleichaltrigen abgeschnitten, außerdem sei diese Unterrichtsform im Fußballbereich international mittlerweile nicht mehr üblich.
Zu Orbans Umgang mit dem Fußball gehört aber nicht nur die großzügige staatliche Förderung derartiger Projekte, sondern auch der Einsatz seiner Vertrauten in wichtige Positionen. So ist Ungarns reichster Mann, der Unternehmer und Generaldirektor der größten ungarischen Bank OTP, Sandor Csanyi, gleichzeitig Präsident des Fußball-Verbandes MLSZ. An der Spitze von Ferencvaros steht wiederum der Orban-Vertraute Gabor Kubatov, Vizevorsitzender der Regierungspartei Fidesz. Die persönliche Lieblingsmannschaft des Ministerpräsidenten, Videoton FC aus seinem Geburtsort Szekesfehervar, steht sogar im Eigentum eines guten Freundes, des Unternehmers Istvan Garancsi. Und der Bürgermeister von Felcsut, Lörinc Meszaros, konnte durch die großzügige Unterstützung seines Heimatortes in wenigen Jahren ein wahres Wirtschaftsimperium aufbauen.