Literatur

Auf dem Eiland im Delirium

Ann Cotten hat „Verbannt!“ nicht nur verfasst, sondern auch mit spitzer Feder illustriert.
© Ann Cotten/Suhrkamp

Pseudo hin oder her: Mit ihrem Versepos „Verbannt!“ legt Ann Cotten ganz gegenwärtige Zwischen- und Gegengesänge in Spenser’schen Stanzen vor.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –„‚Die Cotten steckt den Kopf jetzt in den Sand‘, hör ich schon Rezensenten ihre Federn reinigen/und, an ihren Prinzipien hängend, zornbebend bescheinigen/der ‚immer schon verwirrten‘ Lyrikerin den Garaus,/den Revue-Stil assoziierend mit dem Vogel Strauß“ schickt Ann Cotten ihrem neuen Buch, dem Versepos „Verbannt!“, einleitend voraus – und nimmt möglichen Kritiken den Wind schon aus den Segeln, bevor überhaupt in See gestochen wird. Fraglos: ein Taschenspielertrick. Kein ganz neuer zumal. Man kennt ihn von Norbert Gstrein, zum Beispiel. Der hat in seinem Schlüsselroman „Die ganze Wahrheit“ auch allerlei erwartbare Einwände gegen sein ganzes Unterfangen angeführt. Genützt hat es dem Buch wenig.

Cotten freilich setzt noch eins drauf: „Und in der Tat, warum sollte jemand das lesen?“, heißt es. Und eine Hand voll Zeilen später kommt Lenin zum geflügelten Wort: „Was tun?“ Davor war schon vom „I Ging“ – John Cage lässt grüßen – die Rede und kurz da­rauf schleicht nach den Musen („schlaft weiter, schlaft, schlaft lange!“) auch ein „ganz moderner, deliriöser, inadäquater Herr Marquis de Sade in Fraungestalt“ ums Eck.

Um sie – das stellt diese „Einleitung“, die nicht einleitet, sondern mitten hinein­schmeißt, klar – wird es in der Folge gehen. Irgendwie jedenfalls. Denn obwohl ein Epos grundsätzlich erzählender Natur, also ganz plump gesagt handlungsgetrieben ist, so wirklich schwindelfrei nacherzählen lässt sich „Verbannt!“ nicht.

Trotzdem und ohne Gewähr, ein Versuch: Eine TV-Moderatorin wird, nachdem sie der minderjährigen Lena unbotmäßig nahekam, auf eine weit weniger einsame Insel als zunächst angenommen verbannt. Ein Eiland namens Hegelland, auf dem sich Signifikate nicht um Bezeichnungen kümmern und selbst „Meyer Konversationslexikon“ (aus dem Jahr 1910), das der Protagonistin als mehrbändiges Buch für die Insel geblieben ist, wird hier keine Ordnung schaffen. Alles löst sich auf, verkehrt, verirrt, verzaubert sich auf Hegelland, wo – natürlich – weltgeistgetränkte Theoriearbeit auf zeitgeistig aufgemaschelte Praxis trifft – und selbst der strenge Reim von anno dazumal ganz absichtsvoll quietscht und knarrt.

Verfasst hat Ann Cotten, geboren in Iowa, aufgewachsen in Wien und zumeist in Berlin ansässig, ihr an Assoziationen, Zwischen- und Gegengesängen, Kalauern und Hintersinnigem reiches Epos in so genannten „Spenser-Strophen“. Der Klappentext kündigt einem, reichlich klugscheißend, aber was soll’s, „Pseudo-Spenser-Strophen“ an. Pseudo hin oder her: Die Spenser’schen Stanzen gehen auf Shakespeares Zeitgenossen Edmund Spenser zurück und sind Ausdruck viktorianischer Strenge: Jede Strophe hat neun Verse und das feste Reimschema ababbcbcc. Cotten hat diesen formalen Schraubstock fürs Deutsche adaptiert – und sich dabei die Freiheit genommen, so fest zuzudrehen, dass es Stock samt Stein aus seiner Verankerung reißt: kreative Zweckentfremdung, sprachbewusst, ungemein klug, gewagt und nie frei von bitterem Schmäh. Permanent blitzen im Irgendwie und Irgendwo schillernde Gegenwartsbezüge auf, gesellschaftspolitische genauso wie eher popkulturelle. Aber wirklich zu fassen kriegt man sie nicht. Dass irritiert zwar, aber geschadet hat etwas irrlichternde Irritation bekanntlich noch nie. Im Gegenteil: „Verbannt!“ ist ein Meisterwerk, das Kopfzerbrechen bis zum Kopfweh bereitet. Mehr geht eigentlich nicht.

Lyrik Ann Cotten: Verbannt! Vers­epos. Suhrkamp, 162 S., 16,50 Euro.