Das Land, in dem Europa noch etwas wert ist
Albanien will mithilfe der Europäischen Union ein modernes Land werden. Doch nach Diktatur und Durcheinander bleibt der Aufholbedarf enorm.
Von Floo Weißmann
Tirana –Schon auf dem Weg vom Flughafen in die Hauptstadt Tirana zeigt das neue Albanien seinen Stolz. Internationale Unternehmen säumen die Straße mit modernen Burgen aus Stahl, Beton und Glas. Auch im Zentrum wird viel gebaut, darunter eine große Moschee sowie katholische und orthodoxe Kathedralen. Ein neuer Wolkenkratzer überragt das Viertel, in dem einst die stalinistische Elite wohnte und wo heute feine Restaurants und Nachtklubs bei mediterranem Klima zum Genuss einladen. Bald soll es auch eine Fußgängerzone und Fahrradwege geben. Künstler aus aller Welt wurden eingeladen, Gebäude zu bemalen.
Noch vor einem Vierteljahrhundert galt Albanien als Europas Nordkorea, eine vom Rest der Welt isolierte und bitterarme Diktatur. Hunderttausende Bunker zeugen von der Paranoia des Langzeit-Herrschers Enver Hoxha. Heute präsentiert sich das Land als junge Demokratie im Aufbruch und als EU-Beitrittskandidat. Albanien sei „ein sehr positives Beispiel für Fortschritt“, sagt ein Mitarbeiter der EU-Kommission, die zu diesem Lokalaugenschein eingeladen hat. Die Weltbank kürte Albanien 2008 zum „Top-Reformer“.
Doch es gibt auch ein anderes Albanien. Etwa in Vlora, wo die EU eine Asphaltstraße bezahlt hat. Sie führt steil auf einen Hügel, auf dem Hunderte Familien von so genannten Ägyptern leben, einer Minderheit am Fuß der sozialen Hierarchie.
90 Prozent der Menschen hier haben keine offizielle Arbeit. Doch die Straße sei „ein Anfang, um weiter zu wachsen“, dankt ein Vertreter der Ägypter, beäugt von teils barfüßigen Kindern. „Im Winter konnte man hier kaum gehen, die Kinder konnten nicht zur Schule.“ Jetzt hingegen kann man Wasser und anderes transportieren, es gibt einen ersten kleinen Laden.
Das Beispiel illustriert den Aufholbedarf und die Kontraste in Albanien. Nach dem Ende der Diktatur herrschte zunächst eine gewisse Anarchie. Die plötzlich befreiten Menschen bauten 420.000 Gebäude ohne Genehmigung, schlägerten 40 Prozent der Wälder. Ohne Bestechung lief wenig. Lokalkaiser errichteten kleine Reiche. Es kam zu Unruhen, als Pyramidenspiele vielen das wenige Geld raubten. Ein Drittel der Bevölkerung wanderte aus; die Diaspora wirkt seitdem als ein Motor des Aufschwungs, weil sie Geld und Know-how ins Land zurückbringt.
„Albanien ist formal eine Demokratie, aber nicht funktional“, sagt Albert Rakipi vom Institut für Internationale Studien in Tirana. Die Regierenden stehen vor der gewaltigen Aufgabe, aus der Regellosigkeit einen modernen Staat aufzubauen. „Die größte Herausforderung ist es, das Vertrauen in die Justiz und die Institutionen wieder herzustellen“, sagt ein Regierungsmitglied. Es geht um eine professionelle Verwaltung statt Klientelismus, um Rechtsstaatlichkeit, um Infrastruktur, Regulierungen und Entwicklungspläne sowie um das Eintreiben von Steuern, die das alles finanzieren sollen.
Hier kommt die Europäische Union ins Spiel, die Albanien 2014 den Kandidatenstatus zuerkannte. „Wir warten nicht auf ein Wunder aus Brüssel. Sondern die europäische Integration ist die treibende Kraft, um einen funktionierenden Staat aufzubauen“, sagt Rakipi. Alle hier sehen das ähnlich, wie Umfragen bestätigen. „Mehr Albaner glauben an die EU als an Gott“, sagt Remzi Lani vom Albania Media Institute.
Die EU unterstützt Albanien mit 100 Mio. Euro jährlich. Sie stellt aber auch Forderungen. Derzeit geht es vor allem um eine Justizreform, die ein korruptes System in einen funktionierenden Rechtsstaat verwandeln soll. „Die kostet nicht viel Geld, sondern vor allem politischen Druck, den wir gemeinsam mit den Amerikanern aufgebracht haben“, sagt ein Mitarbeiter der EU-Kommission.
Der Entwurf, an dem die Venedig-Kommission des Europarats mitgearbeitet hat, hat es in sich: Unter anderem sollen alle Richter und Staatsanwälte durchleuchtet werden – ihre Entscheidungen, Vermögen und Qualifikation. Nach einer Einschätzung der CIA könnten mehr als zwei Drittel der Überprüften ihren Job verlieren. Die Regierung und mehr als 90 Prozent der Albaner wollen die Justizreform, aber im Parlament gibt es heftigen Widerstand.
An der Reform hängt zugleich die weitere Annäherung an die EU. Wenn die ersten korrupten Richter gehen müssen, wird die EU-Kommission in ihrem nächsten Fortschrittsbericht wohl die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen empfehlen, vielleicht schon 2017. „Die einzige Option ist Europa, auch wenn sie uns nicht mögen“, sagt Lani mit Blick auf die EU-internen Turbulenzen und die Erweiterungsmüdigkeit.
Immerhin erscheint Albanien pflegeleicht, was Europas große Sorgen betrifft. Nationalismus? – Kein Thema; eine Gruppe, die von Großalbanien träumt, ergatterte kein einziges Mandat. Religiöser Extremismus? – Im Gegenteil; Muslime und Christen feiern ihre Feste zusammen, Mischehen sind üblich. Kriegsvergangenheit wie die anderen Länder am Westbalkan? Fehlanzeige. Flüchtlinge? Bisher keine. Und überhaupt: „Dass wir arm sind, heißt noch nicht, dass wir keine europäischen Werte teilen“, sagt Rakipi.
Die Albaner verweisen bei ihren EU-Ambitionen auch gerne darauf, dass sie bereits von EU-Staaten und -Anwärtern umgeben sind. „Geografisch liegen wir im Herzen Europas“, sagt Arbjan Mazniku, Vizebürgermeister von Tirana. „Daher ist es logisch und sinnvoll, dass Albanien auch institutionell ein Teil Europas wird.“