100 Jahre nach der „Hölle Verdun“: Erinnern im Zeichen der Versöhnung
Verdun/Berlin (APA/dpa) - Zehn Monate lang rangen Deutsche und Franzosen 1916 um Verdun - ein brutales Blutvergießen, das sich in beiden Län...
Verdun/Berlin (APA/dpa) - Zehn Monate lang rangen Deutsche und Franzosen 1916 um Verdun - ein brutales Blutvergießen, das sich in beiden Ländern ins Gedächtnis gebrannt hat. Zum 100. Jahrestag stehen am einstigen Schlachtfeld die gemeinsamen Erfahrungen im Fokus.
Am frühen Morgen bricht das Inferno los. Aus mehr als 1.200 Geschützen feuern die deutschen Truppen auf die französischen Stellungen nördlich von Verdun, stundenlang, bis zum späten Nachmittag fallen mehr als eine Million Granaten. „Das hatte man noch nie gesehen, es ist ein Feuersturm“, sagt Edith Desrousseaux de Medrano, Kuratorin der Gedenkstätte von Verdun. Das Blutbad sollte 300 Tage dauern, 300.000 Soldaten auf beiden Seiten starben, 400.000 wurden verwundet. Am Sonntag (21. Februar) jährt sich der Beginn der bekanntesten Schlacht des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal.
In der komplett umgestalteten Schlachtfeld-Gedenkstätte wird zu diesem Anlass eine „kleine Revolution“ angekündigt: Künftig spielen im Memorial de Verdun auch die Erlebnisse deutscher Soldaten eine zentrale Rolle. Die Neueröffnung der Dauerausstellung unterstreicht, dass Verdun über die Jahre auch zu einem Bezugspunkt der deutsch-französischen Aussöhnung geworden ist: Verkörpert von Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Francois Mitterrand, die sich 1984 über den Gräbern von Verdun die Hand reichten.
Verdun sei die symbolträchtigste Schlacht des Ersten Weltkrieges, sagt Memorial-Direktor Thierry Hubscher. Diese herausragende Stellung ist nicht auf den ersten Blick zu verstehen. Sie war weder die blutigste Schlacht des Konflikts, noch hatte sie nach Ansicht von Historikern große Bedeutung für den Kriegsverlauf. Die Deutschen konnten zunächst das wichtige Fort von Douaumont einnehmen, in heftigen Kämpfen rückten sie bis auf wenige Kilometer an Verdun heran. Nur geradeso hielten die Franzosen stand. Doch dann eroberten sie Stück für Stück das verlorene Terrain zurück, nach zehn Monaten verlaufen die Linien fast genauso wie zuvor.
„Es hat sich eigentlich mit Verdun gar nichts geändert“, sagt der deutsche Historiker Herfried Münkler. „Aber das steht natürlich auch paradigmatisch für diesen Krieg: Stellungskrieg und Materialschlachten.“ In der „Hölle von Verdun“ entfaltet sich auf einem kleinen Gebiet der ganze Horror der industrialisierten Kriegsführung, mit Trommelfeuer, Giftgasattacken und Flammenwerfern. Soldaten versinken im Schlamm, das von Granattrichtern übersäte Gelände gleicht einer Mondlandschaft, neun Dörfer werden ausradiert.
„Im Gedächtnis der Deutschen ist die Schlacht von Verdun zum Inbegriff der Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Ersten Weltkriegs geworden“, schreibt Deutschlands Botschafter in Paris, Nikolaus Meyer-Landrut. In Frankreich wurde Verdun auch deshalb zu einem allgemeinen Bezugspunkt, weil ein großer Teil der Armee irgendwann einmal dort kämpfte. General Petain ließ die Truppen regelmäßig austauschen, um Erschöpfung zu verhindern.
In der für 12,5 Millionen Euro erneuerten Gedenkstätte läuft der Besucher auf Glasscheiben über Nachbildungen des schlammigen Untergrunds. Im Dämmerlicht sollen Alltagsgegenstände einen Eindruck vom Leben der Frontsoldaten vermitteln. Briefauszüge lassen ahnen, was in ihnen vorging: „Mama, warum hast du mich zur Welt gebracht?“ Eine riesige, gestaffelte Videowand zeigt Filmszenen und gemalte Bilder mit Schlachtszenen, darüber ein deutsches Flugzeug. Es ist auch ein Versuch, nach dem Tod der Veteranen des Krieges trotzdem ihre Erinnerungen weiterzuvermitteln.
Kontrovers sei die stärkere Herausstellung der deutschen Soldaten nicht gewesen, sagt Memorial-Direktor Hubscher: „Was vor 50 Jahren schwierig gewesen wäre, wird heute geradezu offensichtlich.“ Die Männer auf beiden Seiten hätten die gleichen Qualen und Ängste durchlitten. Historiker Münkler meint, weil in Verdun nur Deutsche und Franzosen kämpften, biete sich die Schlacht als Symbolpunkt der Umwandlung der einstigen „Erzfeindschaft“ in „Erzfreundschaft“ an.
Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Francois Hollande setzen 100 Jahre danach ein Zeichen: Am 29. Mai werden sie gemeinsam auf dem früheren Schlachtfeld erwartet. „Ich weiß nicht, ob sie noch weiter gehen werden in der Verbrüderung oder im Austausch von Freundlichkeiten“, sagt Thierry Hubscher lachend mit Blick auf die legendäre Geste Kohls und Mitterrands. „Aber ich denke, dass es auch etwas Symbolisches geben wird.“
(Wiederholung vom 15.2.)