Wiener Festwochen: „Die Passagierin“ am Totenschiff der Geschichte
Wien (APA) - „Die Passagierin“ hat seit 2010 auf ihrem metaphernreichen Totenschiff eine Reise zu den Opernbühnen der Welt angetreten: Erst ...
Wien (APA) - „Die Passagierin“ hat seit 2010 auf ihrem metaphernreichen Totenschiff eine Reise zu den Opernbühnen der Welt angetreten: Erst damals wurde das Hauptwerk des Komponisten Mieczyslaw Weinberg szenisch in Bregenz uraufgeführt. Am Donnerstag hatte das Werk nun als erste Oper der heurigen Festwochen Premiere im Theater an der Wien (TAW).
„Die Passagierin“ ist die Geschichte der aus Krakau stammenden, heute 92-jährigen Schriftstellerin Zofia Posmysz, die ihre Auschwitz-Erfahrungen vor gut 50 Jahren zu einem Hörspiel und später einem Roman verarbeitete und am Donnerstagabend auch auf die Bühne des TAW erschien. 1968 machte der aus Warschau stammende Mieczyslaw Weinberg, dem Festwochen-Intendant Markus Hinterhäuser bereits im Vorjahr einen Schwerpunkt gewidmet hatte, aus Posmycz‘ Vorlage seine Oper.
Auf die Bühne schaffte es das Werk des 1996 verstorbenen Tonsetzers jedoch nie - bis die Bregenzer Festspiele 2010 schließlich die verdienstvolle szenische Uraufführung feierten, die in der Opernwelt für Aufsehen sorgte. Nach Karlsruhe zog die Frankfurter Oper im Vorjahr mit ihrer Inszenierung nach, die nun in Originalbesetzung nach Wien kam.
Das Ungekannte an „Die Passagierin“ ist, dass darin Opfer und Täterin beide eine Stimme haben - nicht gleichzeitig, aber abwechselnd, mit stetig sich wandelndem Fokus. Die ehemalige KZ-Aufseherin Lisa glaubt in den 1950ern auf einem Kreuzfahrtschiff in einer Mitreisenden die einstige Gefangene Marta zu erkennen. Infolge verschwimmen die Zeitebenen, die Lagerhölle und der Ozeandampfer, die Lagersirene und das Schiffshorn, die Partygesellschaft und die KZ-Insassen.
Regisseur Anselm Weber setzt in seiner Inszenierung eher auf Assoziationen als konkrete Holocaust-Bilder. Der riesige Schiffsrumpf dreht sich stetig und gibt mal den überfüllten Frachtraum frei, in dem die Lagerinsassen kauern, mal das weiße Deck der Welt der Reichen. Immer wieder blitzen Sätze als Projektionen an der Wand auf - letztlich kann Sprache nichts am Geschehen ändern, sondern nur kommentieren, einordnen.
Dieser, das scheinbar Widersprüchliche vereinende Ansatz ist die analoge Umsetzung der musikalischen Konstruktion Weinbergs. Der Komponist schuf ein Musiktheater, das die verschiedenen Genreformen wie Tänze, Lieder und Chöre, Duette und Soloarien vereint. Anders als sein Freund Dmitri Schostakowitsch wählte Weinberg weniger den vehementen Gang in die Extroversion, sondern rückt immer wieder den stillen Blick ins Innere in den Fokus. Die Passagen der Solisten und die Stücke des Chores werden bisweilen nur von einzelnen Instrumenten gestützt, die kurz vor dem Verklingen, dem Ersterben scheinen, wofür Weinberg volksmusikalische Elemente mit lyrischem Minimalismus koppelt. Umso schmerzhafter, wie ein Stich, brechen die brutalen Akte des Lagerlebens ein und wird das feine Netz der Klanggewebe mit brutaler Gewalt gleichsam durch die Schmerzensschreie aus dem Orchestergraben zerrissen.
Diese von Christoph Gedschold zusammengehaltene Klangcollage voller Polyrhythmik lebt nicht zuletzt vom hervorragender Ensemble, allen voran dem ausdrucksstarken Brian Mulligan als Tadeusz, der im Dezember in Brittens „Peter Grimes“ sein Staatsoperndebüt feiern wird und Tanja Ariane Baumgartner als zerrissene Lisa, stets mit satter Schärfe und schmerzlicher Klarheit, die zuletzt in „Capriccio“ im TAW zu sehen war. Ergänzt wird das Duo von Sara Jakubiak als Marta mit etwas starkem Vibrato für die Partie.
Allen gemein ist die Fähigkeit, auch stimmlich Stärke mit der Brüchigkeit einer Figur zu paaren. So gelingt ein vielsprachiges, vielstimmiges Werk von berührender Schönheit, das nicht auf effektheischende emotionale Momente setzt. Eine Oper, die es zu Recht ins Repertoire des 21. Jahrhunderts zu schaffen scheint.
(S E R V I C E - „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des Orchesters der Frankfurter Oper: Christoph Gedschold, Regie: Anselm Weber, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Bettina Walter, Licht: Olaf Winter. Mit Tanja Ariane Baumgartner - Lisa, Peter Marsh - Walter, Sara Jakubiak - Marta, Brian Mulligan - Tadeusz, Anna Ryberg - Katja, Maria Pantiukhova - Krystina, Jenny Carlstedt - Vlasta, Judita Nagyova - Hannah, Nora Friedrichs - Yvette, Joanna Krasuska-Motulewicz - Bronka, Barbara Zechmeister - Alte, Dietrich Volle - Erster SS-Mann, Magnus Baldvinsson - Zweiter SS-Mann, Hans-Jürgen Lazar - Dritter SS-Mann, Michael McCown - Steward, Thomas Faulkner - Passagier, Margit Neubauer - Oberaufseherin, Friederike Schreiber - Kapo. Weitere Aufführung am heutigen Freitag, 19.30 Uhr. Karten und weitere Informationen unter: http://go.apa.at/7KrUimyL)