Deutscher Wohnungsbau boomt: Genehmigungen stiegen um 31 Prozent

Wiesbaden (APA/dpa/AFP/Reuters) - Beflügelt von niedrigen Hypothekenzinsen und starker Nachfrage hat sich in Deutschland der Bauboom zum Jah...

Wiesbaden (APA/dpa/AFP/Reuters) - Beflügelt von niedrigen Hypothekenzinsen und starker Nachfrage hat sich in Deutschland der Bauboom zum Jahresbeginn beschleunigt. Im ersten Quartal wurde der Bau von 84.800 Wohnungen genehmigt, das war der höchste Stand zu einem Jahresanfang seit 2004, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mitteilte.

Danach wurden 30,6 Prozent oder knapp 20.000 mehr Baugenehmigungen von Wohnungen erteilt als im Vorjahreszeitraum. Kräftige Zuwächse gab es bei allen Gebäudearten - bei Einfamilienhäusern (plus 23 Prozent), Zweifamilienhäusern (plus 26,8 Prozent) und Mehrfamilienhäusern (plus 23,7 Prozent).

Zu dem Boom trug auch die Unterbringung hunderttausender Flüchtlinge bei. Die Genehmigungen für Wohnungen in Wohnheimen stiegen um 146,8 Prozent auf 5.149. Dazu zählen auch Flüchtlingsunterkünfte.

Die Zahl der genehmigten Um- und Ausbaumaßnahmen an bestehenden Gebäuden, die zu neuen Wohnungen führten, erreichte von Jänner bis März 2016 mit 12.500 Wohnungen den höchsten Wert seit dem ersten Quartal des Jahres 1997.

Auch bei genehmigten neuen Gebäuden, die nicht zu Wohnzwecken dienen, erhöhte sich im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum der Raum um 6,1 Millionen Kubikmeter auf 46,7 Millionen Kubikmeter.

Die deutsche Regierung rechnet durch die geplante Sonderabschreibung für den Neubau von Mietwohnungen mit einem weiteren kleinen Bauboom. Zwischen 2016 und 2021 erwartet die Koalition 352.000 neue Mietwohnungen. Das würde einer Wohnfläche „von 35 Millionen Quadratmeter entsprechen“, heißt es in einer Antwort des deutschen Finanzministeriums auf eine Anfrage der Linkspartei, die der „Welt“ (Freitagsausgabe) vorlagt.

Nach den Regierungsplänen soll eine neue Sonderabschreibung auf bis zu 2.000 Euro je Quadratmeter besonders für Gering- und Durchschnittsverdiener neuen Wohnraum schaffen. Die Kosten für die neue Subvention beziffert das Finanzministerium im Gesetzesentwurf bis einschließlich 2020 auf mehr als 2,1 Mrd. Euro für Bund, Länder und Gemeinden.

Allerdings wird die Steuererleichterung mittelfristig teurer als bis jetzt bekannt. So kostet die Steuererleichterung dem Fiskus bis zum Jahr 2024 insgesamt 5 Mrd. Euro Einnahmen, wie aus dem Schreiben des Finanzministeriums demnach hervorgeht. Zwischen 2025 und 2030 stehen dem Mehreinnahmen in Höhe von rund 500 Mio. Euro gegenüber, da in diesem Zeitraum weniger Abschreibungen geltend gemacht werden.

Axel Troost, finanzpolitischer Sprecher der Linkspartei im Bundestag, hält die Milliardensubvention für einen völlig falschen Ansatz, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Die Sonderabschreibung sei eine „völlig verfehlte Maßnahme“, da sie am fehlenden Angebot von geeignetem Bauland und der rekordverdächtigen Auslastung der Bauwirtschaft nichts ändere, sagte er der „Welt“.

Auch die SPD hat noch Bedenken. Die SPD unterstütze grundsätzlich die Zielrichtung des Gesetzentwurfs, den Neubau von Mietwohnungen steuerlich zu fördern. „Allerdings lässt der Gesetzentwurf in der derzeitigen Fassung noch erhebliche Mitnahmeeffekte zu“, sagte der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Lothar Binding, der Zeitung. Vor diesem Hintergrund wolle die SPD „die Förderhöchstgrenzen leicht absenken und bei Erstvermietung die steuerliche Förderung an eine Mietpreisobergrenze koppeln“.

Dem Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW ist das Tempo nicht hoch genug. „Die Dynamik bei den Baugenehmigungen ist positiv“, sagte GdW-Chef Axel Gedaschko. „Sie reicht aber immer noch nicht aus, um genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.“ Bereits 2015 wurden so viele Baugenehmigungen erteilt wie seit 15 Jahren nicht mehr. Insgesamt waren es 309.000. Benötigt würden aber mindestens 350.000 jährlich, erklärte das Bundesbauministerium.

Die Wohnungs- und Immobilienunternehmen halten sogar 400.000 für erforderlich, um der Nachfrage Herr zu werden. „Wir brauchen schnellstmöglich mehr Bauland, eine Verringerung der Herstellungskosten beim Bau und wirksame Förderinstrumente“, sagte Gedaschko. „Bund, Länder und Kommunen müssen endlich an einem Strang ziehen, um für viele Mieter untragbare Preise zu verhindern.“