Sprachgewalt und Schmerzensfrau: „Blauschmuck“ von Katharina Winkler
Wien (APA) - „Blauschmuck“. Das klingt harmlos und verspricht ästhetischen Genuss. Wer Katharina Winklers Roman arglos zur Hand nimmt, erleb...
Wien (APA) - „Blauschmuck“. Das klingt harmlos und verspricht ästhetischen Genuss. Wer Katharina Winklers Roman arglos zur Hand nimmt, erlebt schon bald ein böses Erwachen. Was da in allen Blautönen schillert, sind Blutergüsse. „Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton.“ „Blauschmuck“ ist ein hartes Buch.
Winkler, in Wien geboren, in Oberösterreich aufgewachsen und in Berlin lebend, beschreibt ein Frauenschicksal in der Türkei. In dem kurdischen Dorf, in dem die Ich-Erzählerin Filiz aufwächst, herrscht das Patriarchat mit strenger Hand. Brutal werden den Frauen jegliche Ansätze von Autonomie und Selbstbestimmung aus dem Leib geprügelt, ihre blauen Flecken sind sichtbare Wundmale des vom jeweiligen Gatten ausgeübten Herrschaftsanspruches, wie mit Brandeisen eingebrannte Markierungen von Weidevieh. „In unserem Tal leben hundert blaue Frauen“, heißt es, und wie die Tiere werden sie gehalten - als Arbeits- und Gebärmaschinen. Eine einzige Frau mit makelloser Haut gibt es - eine Außenseiterin unter den schicksalsergebenen Leidensgenossinnen.
Filiz ist eine unter vielen, ihr Schicksal ist bedrückend, doch nicht außergewöhnlich. Noch als Kind erhebt ein Bursch, der ihr gut gefällt, seinen Anspruch auf sie. Als der Tag der offiziellen Brautwerbung kommt, ist der Vater gegen die Heirat mit Yunus. Die 15-Jährige lässt sich zur Rebellion überreden und reißt von zu Hause aus. Im neuen Heim wartet jedoch alles andere als das Eheglück. Von der eigenen Familie wird sie verstoßen, von der Schwiegermutter (bald nur noch „die Spinne“ genannt) als Sklavin verwendet und verachtet, vom jungen Ehemann stets aufs Neue vergewaltigt und verprügelt.
Die Thematik erinnert in vieler Hinsicht an den gefeierten türkischen Film „Mustang“, der kürzlich das Schicksal von fünf Schwestern zeigte, die von Großmutter und Onkel streng bewacht werden. Regisseurin Deniz Gamze Ergüven gönnt am Ende wenigstens zwei der jungen Frauen einen gelungenen Ausbruch aus dem Gefängnis, das aus reaktionären Moral- und Gesellschaftsvorstellungen gezimmert wird.
In „Blauschmuck“ wird dagegen jede kurz aufkeimende Hoffnung immer wieder zunichtegemacht. Auch die Übersiedlung des Paares nach Österreich ändert nur die äußeren Umstände am täglichen Martyrium von Filiz, die zu diesem Zeitpunkt bereits Mutter von drei Kindern ist. Nicht nur die versperrte Wohnungstür trennt sie vom ersehnten Leben. Menschenwürde und Gleichberechtigung bleiben ebenso unerreichbares Ziel wie die versprochenen Jeans.
„Nach einer wahren Lebensgeschichte“, heißt es gleich zu Beginn. Das alles wäre ganz und gar unerträglich, wäre da nicht die Sprache. Katharina Winkler hat für die Schilderung dieser Leidensgeschichte einen Ton gefunden, der verdichtet und verknappt und dennoch verstört, der sich nicht an handfesten Details der ausgeübten körperlichen und seelischen Brutalität weidet, sondern eigene Bilder und Metaphern dafür findet.
„Blauschmuck“ ist kein Psychothriller aus dem ländlichen vormodernen Milieu und keine Anklageschrift gegen patriarchale häusliche Gewalt. Es ist der Versuch, eine poetische Gegenwelt zu etablieren, als Zufluchts- und Widerstandsort in einem Kampf höchst ungleicher Gegner. Diesem Zugriff „Poetisierung des Schmerzes“ und „Opferkitsch“ vorzuwerfen, wie es Klaus Nüchtern im „Falter“ macht, ist ein Missverständnis. Die Überhöhung macht das Beschriebene um nichts erträglicher. „Blauschmuck“ gönnt der realen Katastrophe keinen Ausweg, es ist eine Engführung ohne Erlösung.
Das Buch endet im ultimativen Gewaltausbruch, mit gebrochenen Rippen, gebrochenen Armen, gebrochenem Nasenbein, gebrochenen Kiefern. „Schläge fallen von der Decke. Schläge fallen von den Wänden. Schläge kriechen aus den Ritzen im Boden. Schlag. Um Schlag. Schlag. Um Schlag. Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe.“
In einer Nachbemerkung schildert Winkler, dass die Vorbildgeschichte doch einen glücklichen Ausgang nahm, mit rechtzeitiger Intervention von Nachbarn, Polizei und Jugendamt, Frauenhaus, Scheidung und späteren erstaunlichen Berufskarrieren der Mutter und ihrer Kinder. „Diesen Roman hätte man doch gerne gelesen“, meint Nüchtern. Da mag er wohl recht haben. Diesen Roman wollte Katharina Winkler aber nicht schreiben. Dagegen ist nichts einzuwenden.
(S E R V I C E - „Blauschmuck“ von Katharina Winkler, Suhrkamp Verlag, 196 S., 19,50 Euro; Lesung am Sonntag, 29.5., 11 Uhr, im Theater in der Josefstadt, Sträußelsäle)