Terror und Psyche 2 - Kränkung und Regression als Hintergrund

Wien (APA) - „Religiosität kann nicht nur positive, sondern auch sehr negative Effekte haben“, sagte der deutsche Religionswissenschafter Mi...

Wien (APA) - „Religiosität kann nicht nur positive, sondern auch sehr negative Effekte haben“, sagte der deutsche Religionswissenschafter Michael Blume (Köln) bei der Tagung der Gerichtsmediziner zum Thema „Terrorismus und Radikalisierung“ am Freitag in Wien. Das gelte für alle Weltreligionen.

„Es gab in Europa den ersten ‚Gottesstaat‘, den die Täuferbewegung 1534/35 in Münster ausgerufen hat. (...) Aus der Täuferbewegung sind aber auch die absolut pazifistischen Amish entstanden“, sagte Blume. Die gleiche religiöse Tradition könne ins Positive oder ins Negative umschlagen. „Das gilt zum Beispiel auch für den Buddhismus, auch er kennt radikalisierte Gruppen.“ Der Islam hätte wiederum bis in die 1970er-Jahre als fatalistisch und Kismet-gläubig gegolten, unfähig dazu, radikale politische Bewegungen zu generieren. „Heute haben wir einen Flächenbrand“, betonte der Experte. Auch im Judentum bemerke man in manchen Kleingruppen eine Verstärkung extremer Anschauungen und extremer Lebensentwürfe.

Gemeinsam seien sich radikalisierenden religiösen Gruppen zumeist folgende Rahmenbedingungen: Eine Staatsverfassung, bei der Güter hierarchisch von oben nach unten verteilt werden. Blume nannte dabei die vom saudischen Herrscherhaus kontrollierten Mittel für die Bevölkerung aus der Ölproduktion. Bei sozialen Problemen werde leicht die Religion unter dem Titel „Not lehrt beten“ hervorgekehrt. Arbeitslosigkeit und eine Jugend ohne entsprechende Lebensperspektive machten Gesellschaften anfällig.

Immer werde die Radikalisierung durch eine oft willkürlich „erfundene Tradition“ verbreitet, die oft skurrile und mit der wahren Geschichte der jeweiligen Religion nicht kompatible Elemente enthalte. „Menschen in radikalisierten Gruppen glauben auch immer, in ‚Notwehr‘ zu handeln. Es gibt immer eine globale Weltverschwörung. Die ‚Bösen‘ haben übermenschliche Fähigkeiten. Die ‚Guten‘ haben die Verschwörung erkannt, verteidigen sich verzweifelt und ‚müssen‘ zur Gewalt greifen“, formulierte Blume die Charakteristika solcher Entwicklungen. „Integration und Bildung fördern Säkularisierungsprozesse“, sagte Blume. Und schließlich ginge es darum, die Verschwörungstheorien zu knacken.

Psychoanalytisch stelle Radikalisierung in Richtung Terror eine Regression, also einen Rückfall des Einzelnen oder von Menschengruppen auf ein niedrigeres psychisches Funktionsstadium dar, stellte der Wiener Psychiater David Holzer (AKH) fest. Verunsicherung und Bedrohungsgefühle würden dann leicht Abgrenzung nach außen und blinde Gefolgschaft von Führern verursachen. Gestützt würde das zumeist durch in bestimmten Gesellschaften vorhandene „gemeinsame Speicher“ an angeblichen Ruhmestaten oder Traumata, die von Generation zu Generation weiter vermittelt würden. Die schließlich erfolgende „Entmenschlichung der Gegner“ ließe schließlich die moralischen Schranken fallen.

Im aktuellen islamistischen Radikalismus ortete Holzer mehrere mitbegründende Rahmenbedingungen: „Eine Bedrohung der Identität ist bei vielen Migranten der zweiten und dritten Generation vorhanden.“ Ein Hauptproblem seien in diesen Gruppen Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Dies werde als „Abwertung“ und Kränkung erlebt. Schließlich würden die Massenmedien ebenfalls zu Gruppenregression beitragen.