15. Architektur-Biennale: Bunte „Orte für Menschen“ entstehen in Wien

Venedig/Wien (APA) - Ein „visueller Essay“ und eine kostenlose Zeitung über Prozesse, die 600 Kilometer weiter nördlich über die Bühne gehen...

Venedig/Wien (APA) - Ein „visueller Essay“ und eine kostenlose Zeitung über Prozesse, die 600 Kilometer weiter nördlich über die Bühne gehen: So wird sich der Österreichbeitrag auf der am 28. Mai startenden 15. Architekturbiennale in Venedig präsentieren. Kommissärin Elke Delugan-Meissl ist für ihr Projekt „Orte für Menschen“ einen speziellen Weg gegangen: Die Biennale findet größtenteils in Wien statt.

Unter dem Eindruck der aktuellen Fluchtbewegungen sowie der Frage, ob die Biennale in digitalen Zeiten überhaupt noch eine adäquate Plattform ist, hat sich die Architektin entschlossen, drei Architektur- und Designbüros mit Interventionen in Flüchtlingsunterkünften in Wien zu beauftragen. Der Prozess ist seit einigen Monaten am Laufen, die Ergebnisse thematisieren die Herausforderung, Architektur dezidiert als soziales Instrument zu gebrauchen und versuchen auf unterschiedlichste Weise, das Leben von Asylwerbern in provisorischen Unterkünften zu verbessern.

Übergeordnet steht das künftige Zusammenleben in Städten unter dem Aspekt des Zuzugs zur Diskussion. Die Biennale-Projekte sollen dabei als Experimentierfeld und Labor fungieren, um Konzepte für das Wohnen in der Stadt zu finden, wobei die soziale und die ästhetische Komponente von Architektur nicht als Gegensatzpaar verstanden werden soll. Begleitet wurden die Prozesse von Paul Kranzler, der in Venedig mit seinen so entstandenen Fotos einen „visuellen Essay“ präsentiert.

Als Inspiration diente Delugan-Meissl, die sich als Kuratoren Sabine Dreher und Christian Muhr vom Thinktank Liquid Frontiers geholt hat, der österreichische Architekt, Designer und Ausstellungsmacher Bernard Rudofsky (1905-1988) und dessen nomadisches Leben, wie sie im APA-Gespräch erläuterte. In seinen Schriften, Bauten und Ausstellungen habe er sich mit elementaren menschlichen Bedürfnissen wie Essen, Schlafen, Sitzen, Liege und Waschen beschäftigt - und der Frage, wie Architektur diese Bedürfnisse auf menschenwürdige Weise erfüllen kann. Eine große Rolle spielten dabei provisorische, improvisierte und temporäre Lösungen, wie die Architektin betont.

Die realisierten Projekte für „Orte für Menschen“ widmen sich genau diesen Herausforderungen und sollen sich damit ins Generalthema der Biennale „Reporting from the Front“ einfügen. Gemeinsam ist den drei Projekten, grundsätzliche Bedürfnisse architektonisch umzusetzen, wie Caritas-Projektkoordinator Clemens Foschi gegenüber der APA erklärt: „Die Interventionen setzen dort an, wo es am Notwendigsten ist. Es entstehen Selbstversorgungsmöglichkeiten, Gemeinschaftsflächen und Beschäftigung.“

Die Büros verfolgen dabei unterschiedlichste Ansätze; gemein ist ihnen, Farbe in den tristen Alltag der Flüchtlinge zu bringen, oft auch nur im übertragenen Sinn: Die Architekten von EOOS setzen auf partizipativen Möbelbau und die Schaffung von neuen Treffpunkten in einem von der Caritas und dem Arbeiter-Samariter-Bund als Flüchtlingsquartier genutzten Bürogebäude in Wien-Erdberg. Geplant ist auch die Etablierung einer langfristigen Gemeinwohlökonomie inklusive Geschäften. Der Bau aus den 1980er Jahren bietet derzeit rund 600 Flüchtlingen Unterkunft, im Gebäude finden sich auch ein temporär eingezogenes Gymnasium sowie der Verwaltungsgerichtshof. Angestrebt werden langfristige Verbesserungen, die auch auf andere Unterkünfte angewandt werden können.

Caramel Architekten widmen sich dagegen der explizit temporären, niederschwelligen Verschönerung eines leer stehenden Bürogebäudes, bei der Bewohner auch aktiv mitgestalten können. In einem ursprünglich nur kurz als Notquartier adaptierten Haus wurden Rückzugsmöglichkeiten für jene Menschen geschaffen, die bereits viel länger als geplant in den schmucklosen Räumlichkeiten leben. Teil des Konzepts ist nicht nur die Teilnahme der Flüchtlinge an der Herstellung der Interventionen, sondern auch deren Möglichkeit, rasch wieder abgebaut zu werden.

Erst in der Planungsphase sind die Interventionen von the next ENTERprise architects, die ein ehemaliges Bürogebäude in Wien-Favoriten für experimentelle Wohnformen mit Raum-im-Raum-Elementen ausstatten und das gesamte Gelände in den Stadtteil hinein öffnen, um Partizipation und Auseinandersetzung mit den geflüchteten Menschen zu schaffen. Fertig sind bereits „hybride Raummodule“, die nach Besiedelung der Unterkunft zum Einsatz kommen sollen.

Details über die Immobilien und die jeweiligen Interventionen sollen erst bei der Biennale bekannt gegeben werden, die Delugan-Meissl primär dazu nützen möchte, Aufmerksamkeit für sozial engagierte Architektur zu schaffen.

(S E R V I C E - „Orte für Menschen“ im Österreich-Pavillon auf der 15. Architektur-Biennale von Venedig. 28. Mai bis 27. November. Infos unter www.ortefuermenschen.at)