Josef Hader 2 - Über „Richtungswahl“: „Man muss mit allem rechnen“
Wien (APA) - APA: Sie verkörpern Stefan Zweig als sehr ambivalenten Menschen, der zwischen Traurigkeit und Glück schwankt. Meinen Sie, ihn p...
Wien (APA) - APA: Sie verkörpern Stefan Zweig als sehr ambivalenten Menschen, der zwischen Traurigkeit und Glück schwankt. Meinen Sie, ihn plagten auch Schuldgefühle gegenüber der Heimat, weil er sich im sicheren Exil wusste?
Josef Hader: Das war ganz sicher so! Wenn man mal das eigene Leben in Sicherheit gebracht hat und gleichzeitig zuschauen muss, wie die Welt, die man liebt, in Schutt und Asche fällt, ist das eine Belastung, die wir uns alle überhaupt nicht vorstellen können. Und Stefan Zweig, der ja nicht in einer bestimmten Stadt wie Wien oder Salzburg, sondern als überzeugter Europäer in Europa zuhause war, hat in diesen Jahren praktisch erlebt, wie der Kontinent, den er kulturell und von der ganzen Lebensart her schätzt, in ein paar Jahren demoliert wurde. Er wusste: Die Art von Europa, die er geliebt hat, ist vorbei.
APA: Hat auch das viele Reisen, das Nie-wirklich-Ankommen etwas mit ihm gemacht?
Hader: Er ist immer gerne gereist in Europa, hat gern seine Freunde besucht, seine Dichterkollegen in Frankreich, ist gerne nach England oder Italien gefahren, aber auch immer gerne zurückgekehrt. Was sowohl im Film als auch in der Biografie herauskommt: In Amerika hat er sich nicht so wohlgefühlt, weder in New York noch in Los Angeles, wo er sowieso nicht sein wollte, da war der Thomas Mann. In Südamerika hat er eine große Begeisterung bekommen für Brasilien, weil er hier gesehen hat, wie Menschen verschiedener Rassen zusammenleben. Das war für ihn, der aus Europa kommt, eine große Idylle. Gleichzeitig wird man natürlich nie heimisch, weil das doch eine Spur weit zu fremd ist. Man kann das heute noch beobachten in viel lächerlicherer Art und Weise, wenn österreichische oder deutsche Aussteiger auf griechischen Inseln leben und glauben, sie gehören dazu, und dann nach 20 Jahren aufgrund einer kleinen Begebenheit feststellen müssen, dass sie immer noch Fremde sind. Und die wundert das dann.
APA: Maria Schrader arbeitet in „Vor der Morgenröte“ mit langen Plansequenzen ohne Schnitt. Wie ist es Ihnen damit gegangen?
Hader: Ich habe so etwas noch nie gemacht und es liegt mir, glaube ich, auch nicht. Ich habe gerne Schnitte. Ich finde, dass der Schnitt im Film seine Berechtigung hat. Ich finde aber auch, dass dieser Film mit seinen langen Sequenzen einen Sog erzeugt, der großartig ist. Ich persönlich bin nicht der große Fan von langen Plansequenzen, weder als Schauspieler noch sonst. Aber es war eine große Herausforderung, ich habe es sehr sportlich genommen und es ist auch ein bisschen was gelungen.
APA: Apropos Schnitt: Sie schneiden gerade Ihre erste Regiearbeit, „Wilde Maus“...
Hader: Da habe ich viel mehr Schnitte gemacht und dementsprechend muss ich länger im Schneideraum sitzen.
APA: Wie geht es denn voran?
Hader: Wir machen gerade eine Pause, und im Juni schauen wir noch zwei Wochen drauf und müssen dann mit den Bildern fertig sein. Schnitt ist so eine seltsame Sache, wo man entweder ganz begeistert ist von dem, was man macht, oder tief deprimiert wegen dem, was nicht hinhaut. Es ist wie Schreiben: schon schön aber anstrengend.
APA: Können Sie bereits Bilanz ziehen über Ihr erstes Mal als Regisseur?
Hader: Es ist sehr viel Arbeit und als Schauspieler ist man eindeutig besser bezahlt. Trotzdem würde ich mit einem sehr persönlichen Projekt wieder gerne Regie führen. Es ist eine schöne Arbeit, die Atmosphäre in einem Team vorzugeben. Ich bin draufgekommen, dass ich es mag, wenn es entspannt abläuft, und das kann ich als Regisseur viel besser beeinflussen. Das habe ich von Wolfgang Murnberger (Regisseur der Brenner-Filme, Anm.) gelernt, der das ebenfalls so macht.
APA: Ende des Jahres stehen Sie für den Film „Arthur & Claire“ vor der Kamera, können Sie schon mehr erzählen?
Hader: Es ist noch nicht fertig finanziert, aber es ist ein Film über einen Mann, der nach Amsterdam fährt um zu sterben, weil das dort legal geht, wenn man schwer krank ist. Dort erlebt er eine aufregende Nacht, die ihn vielleicht ein bisschen umstimmt, sodass er noch ein paar Tage dranhängt. Sehr viel kann er nicht mehr dranhängen.
APA: Sie zieht es jetzt eine Woche auf Urlaub nach Sizilien. Flüchten Sie vor der anstehenden Bundespräsidentschaftswahl?
Hader: Nein, ich war noch nie dort und es ist eine freie Woche, wo ich gut kann. Und ich habe schon gewählt. Aber es gibt ein Wahlgeheimnis, dadurch kann ich Ihnen leider nicht sagen, wen.
APA: Ich habe so eine Ahnung, nachdem Sie am Montag beim Konzert „Stimmen für Van der Bellen“ in Wien aufgetreten sind...
Hader: Ich kann mich ja total verstellen und nach außen hin für den einen Kandidaten Werbung machen und in Wirklichkeit sitzt ganz tief drinnen ein kleiner Teufel, der den anderen Kandidaten wählt.
APA: Unabhängig davon, ob dieser Teufel existiert: War es Ihnen wichtig, sich für Alexander van der Bellen zu deklarieren?
Hader: Ich habe mich nur selten gegen oder für etwas deklariert. Ich finde, das ist so inflationär und das muss man nicht dauernd machen. Ich habe mich auch im ersten Wahlgang nicht für jemanden eingesetzt. Aber das ist jetzt eine Richtungswahl, und ich finde da sollte jeder Bürger laut sagen, welche Richtung er gern hat. Ich würde das allen empfehlen.
APA: Blicken Sie als fundierter Optimist auf den Sonntag?
Hader: Ich komme sicher zurück nach einer Woche, das steht fest. (lacht) Man muss mit allem rechnen. Es gibt ja viele Leute, die sehr pessimistisch oder optimistisch in die eine oder andere Richtung sind. Ich glaube wirklich, es ist alles offen, weil niemand vorhersehen kann, welche Strömung mehr mobilisieren kann. Auch die Meinungsforscher sind ganz mäusestill und schämen sich. Es wird richtig spannend.
(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA.)
(ZUR PERSON: Josef Hader, 1962 im oberösterreichischen Waldhausen geboren, ist ein österreichischer Kabarettist, Schauspieler und Autor. Kultige Auftritte in Film und Fernsehen lieferte er u.a. an der Seite von Alfred Dorfer in „Indien“, mit Roland Düringer in „Der Überfall“, wofür er beim Filmfestival in Locarno den Darstellerpreis erhielt, als „Aufschneider“ in David Schalkos TV-Zweiteiler sowie als Privatdetektiv Simon Brenner in bisher vier Wolf-Haas-Verfilmungen unter Regie von Wolfgang Murnberger. Für seine Rolle in Nikolaus Leytners Drama „Ein halbes Leben“ wurde er 2009 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Aktuell arbeitet er an seiner ersten Regiearbeit „Wilde Maus“, in der er auch die Hauptrolle übernimmt. Der Film soll im Februar 2017 in die österreichischen Kinos kommen.)
(S E R V I C E - www.filmladen.at/film/vor-der-morgenroete/, www.hader.at)