Brexit - Deutscher Museumschef in London warnt vor Folgen

London (APA/dpa) - Martin Roth, einstmals Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, leitet seit 2011 das Victoria and Albert ...

London (APA/dpa) - Martin Roth, einstmals Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, leitet seit 2011 das Victoria and Albert Museum in London. Der mögliche „Brexit“ Großbritanniens aus der EU träfe auch Kultur und Wissenschaft, warnt der deutsche Museumsdirektor. Berlin könne hingegen ein Gewinner sein, so Roth im dpa-Interview.

dpa: Was steckt aus Ihrer Sicht hinter dem Wunsch nach „Brexit“?

Roth: Ich bezweifle, dass die Briten den Meinungsmischmasch selbst verstehen. Man will sich von diesem uneinigen Europa der Krisen, der Nationalisten, der Rechtsradikalen distanzieren. Gleichzeitig besinnt man sich auf seine Internationalität und sieht die Zukunft im Handel mit der gesamten Welt - gleichsam zurück zu den guten Zeiten des Commonwealth. Wenn ich über Europa rede, meine ich Musik und Philosophie, Kunst und Wissenschaft, Sport und Sprachen. Wenn meine englischen Freunde Europa sagen, meinen sie Handel und Wirtschaft, und bisweilen Verteidigung.

dpa: Wie ist die Stimmung vor dem Referendum auf der Insel?

Roth: Es gibt durchaus eine Immigrationsdebatte, aber man darf nie vergessen, dass die Gesellschaft hier kosmopolitischer und internationaler ist als der Rest Europas, London ist in vielerlei Hinsicht die Hauptstadt der Welt, Europa ist vielen zu klein. Es ist paradox und schwer zu verstehen, aber man möchte mit der Welt nicht durch das Nadelöhr Europa verbunden sein. Möglicherweise scheut man auch den Wettbewerb mit Deutschland und Frankreich.

dpa: Spielt das Für und Wider im Kulturbetrieb auch eine Rolle?

Roth: Kunst und Kultur sind in der Regel tolerant und weltoffen. Das Ausmaß der Katastrophe wird sich erst in der Zukunft zeigen. Aber alleine die Europa-Budgets, die in die Forschung fließen, werden deutlich vermisst werden.

dpa: Welche Folgen hätte der „Brexit“ für die Kultur des Landes und für Europa?

Roth: Die Insel wird nicht nach USA oder Australien wegtreiben. England ist und bleibt ein zentraler Bestandteil der europäischen Geschichte und Kultur - was immer auch passieren mag. Unsere vier Millionen Besucher im V&A kommen zu keinem geringen Teil vom europäischen Festland. Werden diese auch weiterhin loyal nach London reisen? Was wird aus der weltberühmten Kreativwirtschaft? Ich kann mir vorstellen, dass Berlin deutlich gewinnt, wenn London verliert! Und ansonsten wird die Trennungsphase lange anhalten, ehe die Scheidung wirkungskräftig ist - und es wird teuer, vor allem für die Bevölkerung der Insel.

(Das Gespräch führte Simona Block/dpa)