Museum der Träume

Boccaccio bekommt eine SMS

Esther Balfe und Emmanuel Obeya tanzen Tierkreiszeichen unterm Ambraser Sternenhimmel.
© KHM

Im „Museum der Träume“ wird Schloss Ambras mit zeitgenössischer Performance wachgeküsst.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Eigenwillige Gestalten wandeln durch den Ambraser Schlosspark. Sie tragen goldene Gewänder, Schirme und schimmernde Capes, einer einen Blumenkranz. Er wird sich später als Giovanni Boccaccio zu erkennen geben – dem eigenen Porträt entsprungen, es hängt in der Kunst- und Wunderkammer neben jenen von Dante, Petrarca und dessen heiß verehrter Laura.

Vorher geht sich ein Abstecher in die kühle Bacchusgrotte aus: Hier will das „Museum der Träume“ seinem Titel gerecht werden, zu sehen sind Menschen, die von nächtlichen Erlebnissen erzählen – Armin, geschätzte 5, träumte sich in eine Süßigkeitenfabrik. Es dürfte ein schöner Schlaf gewesen sein – jedenfalls bis die Polizei dazukam ...

Manch anderes lässt an ein Traumdeuter-Lehrbuch denken, letztlich ist die Installation aber ohnehin nur Beiwerk zu einem aus neun Stationen bestehenden Schlossparcours, der neue Blicke auf die Ambraser Renaissance-Welt werfen will. Zeitgenössische Autoren, Komponisten und Tänzer wurden eingeladen, sich mit Räumen und Objekten auseinanderzusetzen. Das Publikum ist ihnen mit Klapphocker unter Arm und Plan in der Hand auf den Fersen. Katharina Stemberger denkt in der Habsburger Porträtgalerie nach einem Text von Franz Schuh über die irrige Hochwohlgeborenheit der Adelsklasse nach, Esther Balfe und Emmanuel Obeya ertanzen sich unterm Ambraser Sternenhimmel die Tierkreiszeichen ihrer Zuschauer. Und Boccaccio, der große Humanist, zeigt sich eher übellaunig: was einerseits den vorwurfsvollen Kurznachrichten geschuldet ist, die ihm seine Fiammetta aufs Handy schickt. Und andererseits der Frage: Warum sind bloß „alle so geil auf Dantes Inferno“ und nicht auf seinen Dekameron?

In Sabine Grubers ebenso vergnüglichem wie scharfzüngigem Text, von Schauspieler David Oberkogler wunderbar zum Leben erweckt, geht’s um Geltung, um die Pestbeulen des 14. Jahrhunderts und um jene der modernen Kommunikation. Natürlich geht es auch um Ambras, wo sich der Dante-Biograf Boccaccio „sehr wohl“ fühlt – manchmal könnte halt „ein bisschen mehr los sein“. Ein Seitenhieb auf leere Museumssäle? Bei der samstäglichen Premiere des „Museums der Träume“ herrscht jedenfalls reger Betrieb im Schloss. Womit ein Anliegen dieser aufwändigen Bespielung schon einmal erfüllt ist: Sie ist ein unkonventionelles Vermittlungsprojekt, bei dem der Blick von der Inszenierung im besten Fall auch auf die umgebenden Schätze schweift. Man könnte sie sich bei Gelegenheit wieder einmal genauer anschauen kommen ...

Regisseurin Jacqueline Kornmüller und Schauspieler und Produzent Peter Wolf haben ähnliche Unternehmungen im Kunsthistorischen Museum in Wien realisiert: „Ganymed Boarding“ und „Ganymed Dreaming“ waren Publikumserfolge. Die Ambraser Version dieses zeitgenössischen Interventions-Theaters, wird noch an sieben weiteren Terminen gezeigt. Und hat einen umwerfenden Schauplatz zu bieten, an dem die Pfaue die archaischen Zwischenrufe besorgen.

Das von Peter Wolf mit Furor vorgetragene soldatische Trauma aus der Feder Victor Martinovichs passt natürlich beklemmend gut in die Rüstkammer, doch nicht alle Szenen können inhaltlich wie atmosphärisch mit der Kulisse mit- oder ihr Gehaltvolles entgegenhalten. Herrlich hintersinnig kommt aber Thomas Glavinic’ Beitrag (interpretiert von Vivien Löschner) daher, der im Bad der Philippine Welser die hehre Kunstbetrachtung mit schlichter Realität konfrontiert. Nackte gibt es auf den Fresken mit Diana im Bade reichlich – aber wohin schauen, wenn sich eine aus Fleisch und Blut dazugesellt?