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Sozialdrama siegt in Cannes

Der britische Regisseur Ken Loach hat mit dem Sozialdrama „I, Daniel Blake“ in Cannes überzeugt und die Goldene Palme geholt.
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Ken Loachs „I, Daniel Blake“ wurde am Samstagabend mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. „Toni Erdmann“ mit Peter Simonischek ging leer aus.

Cannes –Schon einige Filme des bald 80-jährigen Regisseurs Ken Loach wurden als seine möglicherweise letzten angekündigt. Doch auch beim diesjährigen Filmfestival von Cannes wurde er wieder mit einer neuen Arbeit vorstellig – und holte damit die Goldene Palme: Loach, seit Jahrzehnten prägender Vertreter des sozial engagierten Films, widmet sich in „I, Daniel Blake“ einmal mehr der britischen Arbeiterklasse. Zentrale Figur ist der titelgebende, 59-jährige Daniel Blake (verkörpert vom Neo-Schauspieler und Stand-up-Comedian Dave Johns), der seinen Schreinerberuf nach einem Herzinfarkt nicht mehr ausüben kann und erstmals in seinem Leben auf den Staat angewiesen ist. Wie auch die junge alleinerziehende Mutter Katie (Hayley Squires), der er auf dem Sozialamt begegnet und in weiterer Folge unter die Arme greift, scheitert er am restriktiven, höchst bürokratischen Sozialhilfesystem.

„Das Schockierende ist, dass das nicht nur in Großbritannien, sondern in ganz Europa passiert“, hatte Loach bei der Vorstellung des Films in Cannes gesagt und das „neoliberale Projekt Europäische Union“ mitverantwortlich gemacht. Für einen „Brexit“, der am 23. Juni von den Briten abgestimmt wird, sprach er sich dennoch nicht aus. „Wenn wir aus der EU austreten, werden die einzelnen Regierungen noch weiter nach rechts rücken, die Märkte weiter liberalisieren, Arbeitsplätze streichen, die Umwelt schneller verschmutzen und die Interessen von Unternehmen über alles andere stellen“, so Loach, der dafür plädierte, die aktuelle Entwicklung „von innerhalb der EU“ zu bekämpfen und Allianzen mit anderen Staaten einzugehen, um einen weiteren Rechtsruck zu vernichten. „Es ist ein gefährlicher Moment.“

Die Jury unter dem Vorsitz des australischen Regisseurs George Miller kürte den Streifen zum Besten Film. Der Große Preis der Jury ging an Xavier Dolans „Juste la Fin du Monde“, der Preis der Jury an „American Honey“ von Andrea Arnold. Preise für die beste Regie erhielten Olivier Assayas für „Personal Shopper“ mit Kristen Stewart und Cristian Mungiu für „Bacalaureat“. Zur besten Schauspielerin wurde Jaclyn Jose in „Ma’ Rosa“ (Philippinen) gekürt, bester Schauspieler ist Shahab Hosseini in „The Salesman“ (Iran).

Gänzlich leer ausgegangen ist bei der Preisverleihung am Sonntagabend die deutsch-österreichische Koproduktion „Toni Erdmann“ der deutschen Regisseurin Maren Ade. Die Tragikomödie mit Peter Simonischek war eigentlich als einer der großen Favoriten für die Goldene Palme gehandelt worden, musste sich am Ende aber mit dem bereits am Sonntagnachmittag von der Internationalen Kritikervereinigung vergebenen Fipresci-Preis zufriedengeben. (APA, TT)