Der Feminist als Schläger? - Sonnyboy Trudeau entzauberte sich selbst

Ottawa/Wien (APA) - Der Feminist als Mann, der Frauen schlägt? Nach seinem magischen Aufstieg zum globalen Hoffnungsträger hat der kanadisch...

Ottawa/Wien (APA) - Der Feminist als Mann, der Frauen schlägt? Nach seinem magischen Aufstieg zum globalen Hoffnungsträger hat der kanadische Premierminister Justin Trudeau auf geradezu groteske Weise für seine eigene Entzauberung gesorgt. Um eine Oppositionsblockade im Parlament zu brechen, wurde er handgreiflich und versetzte dabei auch der Abgeordneten Ruth Ellen einen Ellbogencheck.

Trudeaus Sonnyboy-Image hat damit erste gröbere Schrammen erhalten, nachdem er schon Anfang Mai wegen seiner verspäteten Reaktion auf die verheerenden Waldbrände in der Provinz Alberta kritisiert worden war. Der liberale Politiker besuchte die betroffene Region erst, nachdem dort über 2.000 Gebäude durch Flammen zerstört worden waren.

Bis dahin schien der 44-jährige Sohn des legendären Premierministers Pierre Trudeau praktisch alles richtig zu machen. Nach dem Erdrutschsieg seiner Liberalen bei der Parlamentswahl im November sorgte er mit einer betont fortschrittlichen Politik für Euphorie weit über die kanadischen Grenzen hinaus. Trudeau präsentierte Kabinett mit Geschlechterparität, machte den Sikh Harjit Sajjan zum Verteidigungsminister, kündigte die Freigabe von Marihuana an und nahm persönlich syrische Flüchtlinge am Flughafen in Empfang.

Vor allem gab der jugendliche, eloquente und sportliche Politiker den oft als langweilig belächelten Kanadiern das Gefühl, so richtig hip zu sein. Bei öffentlichen Auftritten wurde Trudeau wie ein Popstar gefeiert, er setzte sich als Boxer und mit aufwändigen Yogaübungen in Szene. Zum Internet-Hit wurde im April seine schlagfertige Antwort auf die herablassende Frage eines Journalisten auf einem Physik-Institut in Ontario. „Ich wollte sie eigentlich ersuchen, das Prinzip des Quantenrechners zu erklären“, leitete der Journalist seine Frage ein, ohne damit zu rechnen, dass Trudeau die Herausforderung tatsächlich annahm. Unter dem Jubel der Studenten sprach der Premier einige Sätze zu dem komplizierten wissenschaftlichen Thema.

Umso mehr dürfte es Trudeau wurmen, dass er die Gesetze der politischen Schwerkraft bisher nicht außer Kraft setzen konnte. Während dem hemdsärmeligen Regierungschef die Herzen seiner Landsleute zuflogen, setzte die Opposition demonstrativ auf parlamentarische Obstruktion. Ein Spannungsverhältnis, das sich am vergangenen Mittwoch entlud. Weil mehrere Oppositionsabgeordnete die Abstimmung über eine Gesetzesvorlage zur Legalisierung der Sterbehilfe boykottierten, stürmte Trudeau auf den konservativen Mandatar Gord Brown zu und zerrte ihn auf seinen Platz. Dabei bekam auch die Sozialdemokratin Ellen den Ellenbogen des muskelbepackten Premiers zu spüren.

Vielen Kanadiern blieb bei den Bildern aus dem Parlament in Ottawa der Mund offen. „Wie konnte er so etwas nur tun (...) mit ausgefahrenen Ellenbogen, fluchend, nachdem er sich so gekonnt als von Zen, Feminismus und Yoga inspirierter Versteher in Szene gesetzt hatte, der Toleranz und Respekt personifiziert?“ kommentierte etwa der öffentlich-rechtliche Rundfunksender CBC. „Gut, manchmal hebt sich der Vorhang, und man kann einen Blick hinter ihn werfen.“

Die „National Post“ kritisierte das Verhalten Trudeaus vor allem als demokratiepolitisch bedenklich. Es gehe nicht um die physische Gewalt, sondern darum, dass ein Premierminister die gewählten Abgeordneten nötige. Es habe sich um einen Angriff gehandelt „auf die Integrität derjenigen, die wir gewählt haben“, hieß es in einem Kommentar. Wenn man dem Premier erlaube, sich zum Chef des Parlaments zu erheben, werden Parlamentswahlen künftig nur noch „Plebiszite darüber sein, wer unser absoluter Monarch für die nächsten vier Jahre sein soll“.

Trudeau war der Zwischenfall sichtlich peinlich. Gleich drei Mal entschuldigte er sich für die Handgreiflichkeit. In seiner Eigenschaft als Abgeordneter muss er sich nun einer Untersuchung wegen Missachtung des Parlaments stellen. Angesichts von weiterhin hohen Beliebtheitswerten und der intakten absoluten Mehrheit seiner Liberalen muss er vorerst nicht um seine politische Zukunft fürchten. Einige Beobachter sehen den Vorfall sogar als Beweis dafür, wie stark der Rückhalt für den Regierungschef im Volk ist. Neben Kritik gab es nämlich auch viel Anerkennung für die hemdsärmelige Intervention des Premiers. „Die Reaktion der Öffentlichkeit zeigt, dass sich viele Kanadier Trudeau so verbunden fühlen, dass sie zu ihm halten werden, auch wenn er im Unrecht ist“, kommentierte der Schriftsteller Stephen Maher auf Twitter.